Am Freitagmorgen, dem 16. Oktober 2026, verbarrikadierten Schüler die beiden Eingänge des Andreas-Gymnasiums in Friedrichshain. Ein Bündnis Berliner Schulstreik-Komitees hatte die Blockade unter dem Banner „Schulstreik gegen die Wehrpflicht“ organisiert. Die Polizei zählte rund 100 Teilnehmende, das Komitee sprach von 200. Die Polizei rückte zunächst mit 30 Beamtinnen und Beamten an und schickte im Lauf des Tages 100 weitere. Eine Schülerin erklärte, man stehe in Solidarität mit den Schulblockaden in Frankreich, „es geht aber auch um uns“. Auch in Hamburg blockierten Schüler Schulen, darunter am Vortag die Max-Brauer-Schule und am 16. Oktober eine weitere Schule in Hamburg-Eimsbüttel.

Der Verweis auf Frankreich ist umstritten. Ein Kommentar aus dem linken Spektrum argumentiert, dass Lehrkräfte in Deutschland zu fast drei Vierteln verbeamtet sind und nicht streiken dürfen, und dass sich deutsche Gewerkschaften nicht zu politischen Streiks hinreißen lassen. Der Kommentar hält den Vergleich deshalb für begrenzt. Er sieht in Militarisierung und Sozialkürzungen zwei Seiten derselben Entwicklung und deutet die Proteste als Beleg für die Ausdauer der Jugend.

Was die Schüler abwehren, ist ein Wehrdienstmodell, auf das sich die Fraktionsspitzen von Union und SPD Mitte November 2025 verständigt haben. Ab 2026 erhalten alle 18-Jährigen einen Fragebogen zu Motivation und Eignung. Frauen bekommen ihn ebenfalls, müssen ihn aber nicht beantworten. Alle jungen Männer des Geburtsjahrgangs 2008 müssen bis Sommer 2027 zur Musterung. Das Ziel: eine Bundeswehr mit 260.000 Zeit- und Berufssoldatinnen und -soldaten bis 2035, dazu 200.000 Reservistinnen und Reservisten. Davon ist die Truppe nach dem Bericht weit entfernt.

Die Bedarfswehrpflicht ist ein zweistufiges Verfahren. Zuerst müssen zu wenige Freiwillige gefunden werden. Dann kann der Bundestag die Pflicht beschließen, und erst danach würde ein Losverfahren entscheiden, wer dient. Am Recht auf Kriegsdienstverweigerung ändert das nichts: Es bleibt nach Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes bestehen.

CDU/CSU

Die Union trägt das Modell mit. Ihre Fraktionsspitze hat es zusammen mit der SPD ausgehandelt, und in der Spur steht die Musterungspflicht für den Jahrgang 2008. Die Bedarfswehrpflicht ist als Option geregelt, aber nicht beschlossen; ob sie je greift, hängt von der Zahl der Freiwilligen ab.

Auf den Schulprotest reagierte die Partei in Berlin unterschiedlich. Kai Wegner, Regierender Bürgermeister, kritisierte die Blockaden scharf. Seine Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) sprach von einer Instrumentalisierung des Protests und hielt zugleich Kritik von Schülern für Teil einer lebendigen demokratischen Schulkultur. Die Geste ist damit zweigeteilt: Der Protest gilt als legitim, die Blockade nicht.

AfD

Die AfD ist seit der Wahl im Februar 2025 im Bundestag vertreten. Zur Wehrpflicht lässt sich für ihre Fraktion in den Belegen dieses Stücks weder eine Forderung noch eine Abstimmung festmachen. Das Raster bleibt deshalb leer; eine Position wird nicht aus dem Umfeld des Protests oder der Regierung abgeleitet.

SPD

Die SPD ist Teil der Einigung vom November 2025. Boris Pistorius, Bundesminister der Verteidigung, führt das Ressort, das den Dienst umsetzt. Nach dem Stand der Einigung setzt die Regierung zunächst auf eine verpflichtende Musterung und eine freiwillige, persönliche Entscheidung für den Dienst. Eine Bedarfswehrpflicht steht als Option bereit, mit Zustimmung des Bundestags. Die Partei trägt damit beide Elemente mit, das Freiwillige wie das Verpflichtende.

Bündnis 90/Die Grünen

Bündnis 90/Die Grünen sind in der Opposition. Zur Wehrpflicht liegt in den Belegen dieses Stücks weder ein Antrag noch eine Abstimmung vor, die ihre Bundesposition zeigt. Einzelne Äußerungen aus den Protestberichten schreibt das Stück ihnen nicht zu, weil sie keine Fraktionsposition belegen.

Die Linke

Die Linke ist im Bundestag vertreten. Zur Wehrpflicht zeigen die Belege dieses Stücks weder eine Abstimmung noch eine Erklärung ihrer Bundesfraktion. Sichtbar ist die Partei auf der Straße: Der Linken-Politiker Ekkehard Spiegel, neu gewählter Abgeordneter aus Friedrichshain-Kreuzberg, unterstützte die Blockade vor Ort. Mitglieder der Linksjugend Solid, der GEW und der Gruppe „Klasse gegen Klasse“ waren ebenfalls dabei. Das ist Präsenz am Protest, keine Position zur Wehrpflicht. Das Raster verbucht es als Geste.

Wort gegen Spur

Die größte Lücke steckt im Wort, mit dem die Koalition den Dienst beschreibt. Die Regierung setzt auf eine freiwillige, persönliche Entscheidung für den Wehrdienst. Daneben steht die verpflichtende Musterung für den Jahrgang 2008. Freiwillig im Wort, verpflichtend in der Spur.

Der Protest hat dazu eine eigene Chronologie. Die Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ meldete am 25. September 2026 mehr als 45.000 Teilnehmende in rund 100 Städten. Die Polizei veröffentlichte nur Einzelzahlen: 2.400 in Berlin-Wedding, 700 in München, 400 in Nürnberg, 200 in Stuttgart, 180 in Frankfurt. In Kiel kamen nach Polizeiangaben rund 600 Menschen zusammen. In Hamburg richtete sich die Demonstration zudem gegen die dreitägige Militärübung „Red Storm Charlie“, die am Donnerstag zuvor begonnen hatte. Ihr Pressesprecher Bela Breitner sagte, zuerst kämen Fragebögen, nun die „angekündigten Zwangsmusterungen, die eigentlich erst Juli 2027 beginnen sollten“. Beide Zeitangaben markieren denselben Zeitraum im Sommer 2027. Die Einigung spricht von einer Frist, die Initiative von einem Beginn.

Der 16-jährige Elias aus Hamburg formulierte die Sorge der Protestierenden persönlich. Man bekomme „mindestens ein halbes Jahr geklaut“, damit einem gezeigt werde, „wie man auf Menschen schießt“, und man solle „verwertbar gemacht werden für Interessen, die nicht unsere sind“. Das ist eine Position zum Dienst selbst, nicht zur Bundeswehr im Allgemeinen, und sie betrifft genau die Gruppe, die die Musterung trifft.

Die stärkste Gegenposition ist die Bedarfsrechnung. Nach der jährlichen Bevölkerungsumfrage des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr befürworteten im November 2025 53 Prozent die Wiedereinführung des Wehrdienstes in irgendeiner Form. Bei den 16- bis 29-Jährigen, die betroffen wären, sind es nur 42 Prozent. Knapp die Hälfte der Befragten in dieser Altersgruppe sieht ihre Freiheitsrechte durch das Gesetz eingeschränkt. Der Politikwissenschaftler Timo Graf vom selben Zentrum sagt, die Zahl der Verweigerer lasse sich schwer einschätzen. Die Bereitschaft zu einem freiwilligen Grundwehrdienst sei kaum erforscht. Die Zahlen sprechen für den Dienst in der Gesamtbevölkerung und gegen ihn bei den Betroffenen; wie sich das in Anmeldungen niederschlägt, zeigt erst das Verfahren.

Die Gewerkschaft der Polizei Berlin warnt vor Gruppen, die die Schulproteste nutzen könnten. Ihr Berliner Chef Stephan Weh sprach davon, die Welle solle genutzt werden, um „thematisch völlig fremde, krude Ideologien“ auf die Straße zu bringen. Belegt ist die Präsenz von Linke-Mitgliedern, der Linksjugend Solid, der GEW und der Gruppe „Klasse gegen Klasse“ bei der Berliner Blockade. Die Warnung der Gewerkschaft und die Präsenz dieser Gruppen stehen nebeneinander, ohne dass das eine das andere erklärt.

Entschieden ist bisher die Musterung. Ob aus dem Freiwilligendienst ein Pflichtdienst wird, entscheidet nach dem Gesetz der Bundestag, und erst dann, wenn sich zu wenige Freiwillige melden. Bis dahin hängt die Wehrpflicht an einer Bedarfsrechnung, bei der sich Gesamtbevölkerung und junge Befragte deutlich unterscheiden.