Wir sind hingefahren, um eine Frage zu prüfen: Was kann ein Generalsekretär bewirken, wenn seine Partei keinen einzigen Abgeordneten im Bundestag hat? Geblieben sind wir wegen eines Satzes, den Hagen in seiner Bewerbungsrede sagte — und den seine Partei offenbar mehrheitlich für riskant hielt, bevor sie ihn trotzdem wählte.

Der Satz lautete ungefähr so: klare Kante, klare Sprache, mutig, fröhlich, optimistisch und ohne Angst davor, auch mal anzuecken. Es ist die Art Formel, die gut klingt, solange man sie nicht gegen den institutionellen Kontext hält. Der institutionelle Kontext: Die FDP hat bei der Bundestagswahl 2025 mit 4,3 % die Fünf-Prozent-Hürde verfehlt. Sie stellt keine Fraktion, keinen Abgeordneten, keine Drucksache. Das Amt des Generalsekretärs, das Hagen antrat, ist das lauteste Amt einer Partei, die im parlamentarischen Betrieb nicht mehr stattfindet.

Chronik des Zeitraums

Am 30. Mai 2026 wählte der FDP-Bundesparteitag Martin Hagen zum Generalsekretär — auf Vorschlag des kurz zuvor gewählten Parteichefs Wolfgang Kubicki. Das Ergebnis: 58,8 %. In anderen Zeiten wäre das ein komfortables Mandat; in einer Partei, die um ihre Identität nach einer historischen Niederlage ringt, wurde es als knapp wahrgenommen. Hagen folgte auf Nicole Büttner, die den ersten Erneuerungsprozess eingeleitet hatte, darunter Mitgliederbefragungen und die Arbeit an einem neuen Grundsatzprogramm.

Hagen trat das Amt mit einer bekannten politischen Biografie an: Fraktionsvorsitzender der FDP im Bayerischen Landtag von 2018 bis 2023, Landesvorsitzender Bayern von 2021 bis Juni 2025, Mitglied des FDP-Bundesvorstands von 2019 bis Juni 2025. Zuletzt war er Geschäftsführer der liberal-konservativen Denkfabrik Republik21, von April 2024 bis Juni 2026.

In den Wochen nach seiner Wahl profilierte er sich vor allem über Regierungskritik. Die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz bringe keine Reformen, sondern Mehrbelastungen — so die Grundlinie. Konkret: Bundesfinanzminister Lars Klingbeil gleiche die kalte Progression nicht aus, was zu wachsender Steuerbelastung führe. Die Zuckersteuer fließe in den allgemeinen Haushalt und treffe auch Produkte ohne Zuckergehalt.

Am 25. August 2026 veröffentlichten Hagen und der FDP-Landesvorsitzende Berlin, Christoph Meyer, ein gemeinsames Statement, in dem sie der Bundesregierung vorwarfen, die Bürgerinnen und Bürger würden sich „zunehmend verarscht" fühlen. Angekündigte Reformen hätten sich als Mehrbelastungen erwiesen. Das Statement erschien parallel zur Kabinettsklausur der Bundesregierung — ein Timing, das auf Agenda-Setting zielte.

Zur AfD äußerte sich Hagen in einem Welt-TV-Auftritt grundsätzlich: Die FDP habe es „überhaupt nicht nötig, sich durch eine Brandmauer von der AfD abzugrenzen". Das völkische Gedankengut der AfD sei mit liberalen Werten unvereinbar — eine Grenze, die er zog. Den Begriff der Brandmauer selbst bezeichnete er als „Popanz". Marie-Agnes Strack-Zimmermann widersprach öffentlich und warnte vor einer Rechtsverschiebung der Partei.

Auf der programmatischen Ebene arbeitet die FDP seit 2025 an einem neuen Grundsatzprogramm. Zwölf Themenfelder wurden identifiziert, darunter „Daten, Bürokratie, Möglichkeiten", „Klimaschutz ohne Wohlstandsverlust" und „Deutschland im Aufbruch". Zur Auswertung von Mitglieder- und Bürgerbefragungen setzt die Partei nach eigenen Angaben KI-gestützte Verfahren ein. Wann das Programm beschlossen werden soll, geht aus den Quellen des Zeitraums nicht hervor.

Bilanz

Wohin läuft die Person?

Hagen bewegt sich auf einer Linie, die man als Lautstärke-Strategie beschreiben könnte: sichtbar sein, pointiert klingen, Regierungskritik schärfen — ohne parlamentarisches Instrument. Er zielt erkennbar auf den Wiedereinzug in den Bundestag, nennt Umfrageinstitute, die die FDP über der Fünf-Prozent-Hürde sehen, und positioniert sich als jemand, der für den Aufschwung steht. Die Trajektorie des Zeitraums läuft auf Profilierung zu — nicht auf Verbreiterung. Ob das reicht, ist eine Frage für den nächsten Wahlkampf, nicht für diese Bilanz.

Echter Beitrag

Das gemeinsame Statement vom 25. August 2026 ist das konkreteste Dokument des Zeitraums. Es benennt zwei spezifische Maßnahmen — kalte Progression, Zuckersteuer — und formuliert eine prüfbare Kritik: Reformen werden als Belastungen verkleidet. Ob die Kritik zutrifft, ist eine andere Frage; dass Hagen sie mit Datum und Inhalt führt statt mit bloßer Stimmung, ist der Unterschied zu Oppositions-Betrieb auf Autopilot. Auch das Einleiten der Grundsatzprogramm-Arbeit unter strukturierten Themenfeldern zählt als institutioneller Schritt — auch wenn Hagen diesen Prozess geerbt, nicht gestartet hat.

Irrelevantes

Die meisten Medienauftritte des Zeitraums gehören in diese Kategorie. Interviews, in denen Hagen die FDP als „Reformmotor" und „Partei des Aufschwungs" beschreibt, sind Selbstbeschreibung ohne Hebel. Wer außerhalb des Parlaments erklärt, er wolle Reformen vorantreiben, produziert Tagesgeschäft, das nicht in die Geschichte eingeht. Gleiches gilt für das Timing der Kabinettsklausur-Reaktion: handwerklich verständlich, politisch folgenlos.

Pose & Klamauk

Die Brandmauer-Aussage. Hagen sagte, die FDP brauche keine Abgrenzung von der AfD, weil die Abgrenzung selbst — das Wort „Brandmauer" — ein Popanz sei. Das ist eine rhetorische Figur, keine Position: Er grenzt inhaltlich ab und weicht dem Begriff aus. Das Ergebnis ist eine Aussage, die in Schlagzeilen härter klingt als sie ist — und parteiinternen Widerspruch erzeugte, ohne eine strategische Linie zu eröffnen. Ein Generalsekretär, der öffentlich Debatte über den Kurs seiner Partei produziert, die seine eigene Stellvertreterin beendet, hat eine Pointe gesetzt, kein Konzept.

2026 als Generalsekretär der wichtigsten Oppositionsstimme außerhalb des Parlaments angetreten — gut darin, die Lage zu beschreiben, und erkennbar schwächer darin, sie zu verändern. Die Antwort auf die Frage, ob Hagen die FDP zurück in den Bundestag führt, liegt nicht in seinen Statements. Sie liegt in den Wahlen, die noch kommen.