Das Altersvorsorgedepot ist eine staatlich geförderte Geldanlage. Anbieter können Banken, Versicherer, Fondsgesellschaften und Neobroker sein. Die Bundesregierung, die bis Mai 2025 im Amt war, hatte das Konzept entwickelt. Die Koalition aus CDU/CSU und SPD hat es aufgegriffen und durch den Bundestag gebracht. Weil das Produkt neu ist, müssen die Anbieter ihre Depots auf Grundlage des Gesetzes entwickeln oder ihre bestehenden Regularien anpassen.

Was Trade Republic streicht

Trade Republic kündigt für den Start eine Variante ohne laufende Depotgebühr und ohne Ausführungskosten für Sparpläne an. Das Angebot gibt es in zwei Formen. Im Standarddepot wählt der Anbieter die Geldanlage, im freien Depot stellt der Kunde sein Portfolio selbst zusammen. Nach Angaben des Unternehmens sollen beide Varianten kostenlos sein, und das Angebot sei als langfristig und unbefristet angelegt.

Für das Standarddepot setzt der Gesetzgeber eine Obergrenze. Die Kosten sind auf 1 Prozent pro Jahr gedeckelt. Die Kostenfreiheit liegt damit unterhalb eines Höchstsatzes, den das Gesetz erlaubt, und nicht bei einer Zahl, die der Anbieter frei festlegt.

Der eigentliche Unterschied liegt bei den Fondskosten, die sich von Depotgebühren unterscheiden. Jeder ETF zieht laufende Kosten ab, die sogenannte TER. Die Fondsgesellschaft entnimmt sie direkt dem Fondsvermögen, ohne dass der Anleger eine Rechnung sieht. Bei breit gestreuten Indexfonds sind das meist bis zu 0,2 Prozent im Jahr. Bei begünstigten ETFs von BlackRock, DWS und Vanguard übernimmt Trade Republic diesen Betrag. Er wird monatlich gutgeschrieben und in neue Fondsanteile investiert. Der Vorteil wirkt also nicht wie eine Gebühr, die man nicht mehr zahlt, sondern wie eine Rendite, die im Depot bleibt. Genau diesen Mechanismus misst die Rechnung weiter unten.

Wie viele ETFs dazugehören, schwankt in den Angaben. Von „mehreren Dutzend“ ist in der Ankündigung die Rede, andere Darstellungen nennen mehr als 50. Für alle übrigen Fonds gelten die regulären Produktkosten. Wer einen ETF außerhalb der Liste wählt, zahlt die TER weiter und bekommt nichts erstattet.

Der Konkurrent Scalable Capital hat ein ähnliches Modell vorgelegt: keine Depotgebühr, kostenlose Sparpläne sowie kostenlose Käufe und Verkäufe. Für ausgewählte ETFs übernimmt der Anbieter die laufenden Produktkosten im Jahr 2027, und zwar bis Ende 2027. Wer danach frei wählt, zahlt die Kosten seiner Fonds. Nach Berichten hatte Scalable Capital das Modell vier Tage vor Trade Republic vorgestellt. Der Preisdruck ist damit kein Einzelfall, sondern eine Wettbewerbslage, in der mehrere Anbieter dieselbe Kostenfreiheit für sich reklamieren.

Die Rechnung über 30 Jahre

Was das in Euro ausmacht, rechnet eine Beispielrechnung vor: Bei 100 Euro Eigenbeitrag im Monat bleiben nach 30 Jahren rund 4.600 Euro mehr als mit einem ETF, der 0,2 Prozent Kosten im Jahr hat. Die Rechnung beruht auf drei Annahmen: dem monatlichen Beitrag, der Laufzeit und der Kostenquote des Vergleichs-ETFs. Sie beschreibt den Kostenunterschied zwischen zwei Kostenstrukturen. Ob das Depot insgesamt Ertrag bringt, entscheidet die Anlage selbst, und die Rechnung bewertet sie nicht.

Warum eine Kostenquote von 0,2 Prozent über Jahrzehnte so viel ausmacht, erklärt der Zinseszins. Jeder Prozentpunkt Kosten fehlt nicht einmal, sondern in jedem Jahr auf das bereits angewachsene Guthaben. Das gilt für den Vergleichs-ETF genauso wie für den erstatteten Betrag, der wieder angelegt wird. Ein Kostenvorteil wirkt also, weil er sich selbst verzinst. Umgekehrt wächst eine Gebühr im selben Maß mit, und deshalb fällt die Differenz nach 30 Jahren größer aus als nach drei.

Dazu kommt die staatliche Förderung, die von der Kostenfrage unabhängig ist. Die Grundzulage beträgt bis zu 540 Euro im Jahr. Sie ist voll ausgeschöpft, wenn 150 Euro im Monat eingezahlt werden. Zulagen und Sonderausgabenabzug setzen eine Zertifizierung voraus, die das Bundeszentralamt für Steuern prüft. Ein Vertrag ohne Zertifizierung erhält diese Förderung nicht. Für den Sparer heißt das: Zuerst entscheidet die Zertifizierung des Produkts, dann die Kosten.

Gegenüber der Riester-Rente soll das Altersvorsorgedepot die bisherige Förderlogik weiterentwickeln und vereinfachen. Im Altersvorsorgedepot wird der Sparer voraussichtlich in verschiedene Fonds, Anleihen und ähnliche Anlagen investieren können. Damit wird die laufende Kostenquote zur zentralen Stellschraube, die der Sparer selbst vergleichen kann. Bei einem Produkt, das auf Fonds basiert, lässt sich diese Quote Jahr für Jahr nachlesen.

Die Gegenlesart: Wer am Depot nichts verdient, verdient anderswo

Trade Republic will nach eigenen Angaben am Altersvorsorgedepot kein Geld verdienen, aber auch keinen Verlust machen. Diese Zusage ist eine Angabe des Anbieters und wird nicht von außen geprüft. Die naheliegende Skepsis setzt beim Interesse des Anbieters an. Nach Berichten will der Neobroker sich einen größeren Anteil am Markt für private Altersvorsorge sichern.

Wer am Depot nichts verdienen will, braucht den Nutzen an anderer Stelle. Ein Sparplan über 30 Jahre ist eine Kundenbeziehung über 30 Jahre. Das ist die Einschätzung dieses Stücks, kein Befund über den Anbieter. Sie spricht nicht gegen das Angebot, wohl aber dafür, es an den Konditionen zu messen und nicht an der Werbung.

Die stärkste Fassung der Gegenposition lautet nicht, das Angebot sei eine Täuschung. Sie lautet: Die Rechnung stimmt, und sie ist trotzdem klein gemessen an dem, was über die Ersparnis entscheidet. Die Kostenfreiheit betrifft die Ansparphase, also einen Teil des Weges. Wer das Kapital bei Rentenbeginn einem Anbieter mit höheren Auszahlkosten überlässt, kann den Vorteil der Ansparphase wieder verlieren. Dieses Argument trifft den Kern des Angebots, und es ist nicht widerlegt, solange die Auszahlkosten offen sind.

Eine zweite Lesart betrifft den Katalog. Die Erstattung gilt für eine Liste ausgewählter ETFs, und wer seinen Wunschfonds darin nicht findet, bekommt sie nicht. Für den Sparer ist die Kostenfreiheit damit ein Angebot innerhalb eines Katalogs und kein allgemeiner Preisvorteil. Dass die Liste nach den Angaben mehrere Dutzend Produkte umfasst, ändert daran nichts. Entscheidend bleibt, ob der gewünschte Fonds darauf steht.

Was offen bleibt und was als Nächstes ansteht

Offen sind die Kosten in der Auszahlphase, bei Einzelkäufen und bei einem Anbieterwechsel. Die Auszahlphase entscheidet, was vom angesparten Kapital bei Rentenbeginn übrig bleibt. Ein Anbieter, der dort Gebühren erhebt, kann die Ersparnis der Ansparphase aufzehren. Auch der Anbieterwechsel ist wichtig, weil er bestimmt, wie frei der Sparer später den Anbieter wählen kann, ohne dass Kosten entstehen.

Der Staat will zusätzlich ein öffentlich organisiertes Altersvorsorgedepot anbieten. Wie es ausgestaltet wird, ist noch nicht bekannt. Ob sich der Staat über Kosten dem Wettbewerb stellt, lässt sich deshalb noch nicht sagen.

Am 1. Januar 2027 startet das Altersvorsorgedepot. Das Scalable-Angebot für die ETF-Kosten läuft Ende 2027 aus, das Angebot von Trade Republic ist nach Angaben des Anbieters unbefristet. Bis dahin müssen die Auszahlphase und das Staatsangebot geklärt sein, und die Anbieter müssen zeigen, wie ihre Konditionen über die ersten Jahre halten.

Gemessen wird der Unterschied am Jahresauszug des Depots, nicht an der Werbung.