Was ein Kind davon hat, lässt sich rechnen. Der Gesetzentwurf der Bundesregierung, den das Kabinett am 12. August 2026 beschlossen hat, sieht vor, dass der Staat für jedes Kind zwischen dem sechsten und dem 18. Lebensjahr monatlich zehn Euro in ein kapitalgedecktes Altersvorsorgedepot zahlt. Die Förderung beginnt mit dem Geburtsjahrgang 2020, also mit den im Jahr 2026 Sechsjährigen. Ab 2027 kommt jedes Jahr der Jahrgang hinzu, der in diesem Kalenderjahr sechs wird. Das Gesetz soll zum 1. Januar 2027 in Kraft treten.
Das Depot eröffnen Eltern bei einem Anbieter der reformierten privaten Altersvorsorge; sie können es freiwillig aufstocken. Die Zahlung des Staates erfolgt nach Angaben der Bundesregierung automatisch über den Anbieter, ohne Antrag. Schließen Eltern keinen Vertrag ab, legt ein Sondervermögen das Geld kollektiv an, verwaltet von der Bundesbank. Im parlamentarischen Verfahren wurde festgelegt, dass es ausschließlich in breit diversifizierte globale Aktien oder Aktienfonds fließt. Die Finanzpolitiker der Koalition nennen das eine Klarstellung, keine grundlegende Änderung.
Die Rechnung der Bundesregierung geht von den 1.440 Euro staatlicher Förderung aus. Bei einer angenommenen durchschnittlichen nominalen Wertsteigerung von sieben Prozent im Jahr ergäbe sich bis zur Volljährigkeit ein Depotwert von rund 2.200 Euro, bis zum Renteneintritt rund 53.000 Euro, jeweils ohne weitere Einzahlung. Legen Eltern monatlich 50 Euro dazu, nennt die Rechnung über 300.000 Euro. Das sind Rechnungen mit einer Annahme über die Rendite, keine Zusagen.
Ein Gesetz ist das noch nicht. Der Finanzausschuss hat den Entwurf am 14. Oktober 2026 mit den Stimmen der Koalition beschlossen. Das Plenum soll am Freitag, dem 16. Oktober 2026, abstimmen; danach muss auch der Bundesrat zustimmen. Stand: 15. Oktober 2026.
CDU/CSU
Fritz Güntzler, finanzpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, spricht von einem wichtigen Baustein in der Reform der Altersvorsorge. „Wir wollen junge Menschen sehr früh an den Kapitalmarkt heranführen“, sagte er. Das ist die Geste: ein Ziel, keine Summe.
Im Programm steht die Rente insgesamt. Die Auswertung der Wahlprogramme zur Bundestagswahl 2025 beschreibt die Rentenpläne von Union und CSU als auf Wachstum gebaut. Die Auswertung betrifft die Rente insgesamt, nicht eine einzelne Leistung.
Im Ausschuss stimmte die Fraktion mit der Koalition für den Entwurf. Dazu gehört auch die Festlegung auf globale Aktien. Die Union trägt damit die Anlagevorgabe mit, die sie im Verfahren klargestellt hat.
AfD
Die AfD-Fraktion enthielt sich im Finanzausschuss. Ihre Bedenken gelten der Höhe der Förderung: Zehn Euro im Monat seien für einen relevanten Beitrag zur Altersvorsorge zu wenig. Zudem kritisiert sie das Konzept der Finanzbildung.
Mit einem Antrag unter dem Titel „Für eine sichere Rente unserer Kinder – Junior-Spardepot“ schlägt die Fraktion ein eigenes Modell vor. Im Programm zur Bundestagswahl 2025 verspricht die Partei laut Auswertung ein Rentenniveau von 70 Prozent. Die Auswertung hält die Finanzierung dafür für riskant.
Die Spur im Ausschuss ist eine Enthaltung. Die Fraktion trägt den Entwurf nicht mit, stellt sich ihm aber auch nicht entgegen.
SPD
Der SPD-Finanzpolitiker Michael Thews sagt nach Medienberichten, jedes Kind solle die Chance haben, früh anzufangen und den Zinseszinseffekt zu nutzen. Die Finanzpolitiker sehen die geräuschlose Einigung als Beweis für gute Zusammenarbeit. Anderswo, etwa bei der geplanten Rentenreform, hakt es.
Im Wahlprogramm 2025 verlangt die SPD, private Vorsorge nur staatlich zu fördern, wenn sie transparent und kostengedeckelt ist, mit Fokus auf kleine und mittlere Einkommen. Dieser Satz ist der Prüfstein für jedes geförderte Depot.
Die Fraktion hat den Entwurf im Ausschuss mitgetragen. Das Depot läuft über Anbieter der reformierten privaten Altersvorsorge. Ob es die Kostenbedingung des Programms erfüllt, entscheiden deshalb die Gebühren dieser Anbieter. Die Bedingung ist im Ausschuss bejaht; ihre Erfüllung wird erst im Depot sichtbar.
Bündnis 90/Die Grünen
Die Auswertung der Wahlprogramme führt für die Grünen die „Rente mit Bürgerfonds“ als Ansatz auf. Die Auswertung betrifft auch hier die Rente insgesamt.
Im Finanzausschuss stimmte die Fraktion gegen den Entwurf. Ihr Nein steht gegen die Mehrheit der Koalition, die den Entwurf im Ausschuss beschlossen hat.
Die Linke
Für die Linke nennt die Auswertung der Wahlprogramme die „Solidarische Mindestrente“.
In einem Antrag zur Stärkung der finanziellen Bildung bezeichnet die Fraktion die Frühstartrente als ungeeignet, einen relevanten Beitrag zur Altersvorsorge zu leisten. Sie kritisiert außerdem, dass die Förderung bestehende Ungleichheit noch verstärken kann.
Im Ausschuss stimmte die Fraktion gegen den Entwurf.
Wort gegen Spur
Die Programm-Ebene trägt in diesem Stoff wenig, weil die Wahlprogramme von 2025 die Rente insgesamt behandeln. Gemessen wird die Frühstartrente deshalb an den Gesten und am Abstimmungsverhalten. Das Bild ist eindeutig: eine Koalitionsmehrheit im Ausschuss, ein Nein von Grünen und Linken, eine Enthaltung der AfD.
Das stärkste Argument der Koalition ist die Zeit. Wer früh anfängt, lässt den Zinseszins wirken, wie Thews und die Bundesregierung es darstellen. Das stärkste Argument der Opposition ist die Höhe. Zehn Euro im Monat sind Startkapital, keine Altersvorsorge, und die 53.000 Euro der Bundesregierung hängen an einer Rendite, die sie selbst nur annimmt.
Die Ansage lautet: Kapitalmarkt für junge Menschen. Die Spur ist ein Ausschuss mit Koalitionsmehrheit, ein Plenum am Freitag und ein Bundesrat danach. Ob zehn Euro im Monat junge Menschen an den Kapitalmarkt heranführen, zeigt sich in den Depots, nicht in Ausschussprotokollen.
