Das Heer will Marschflugkörper in großer Zahl kaufen, um die gegnerische Luftverteidigung zu überlasten. Angekündigt ist eine Entscheidung über die Waffenart, noch kein Vertrag über ein bestimmtes Modell. Wer wissen will, was die Bundeswehr damit leisten soll und was sie kostet, bekommt die Antwort in drei Teilen: was entschieden ist, wie die Waffe wirken soll und in welchem Haushalt sie steht.

Was entschieden ist – und was noch nicht

Freuding erklärte laut Redemanuskript beim Parlamentarischen Abend des Förderkreises des Heeres in Berlin, die Beschaffung sogenannter Low Cost Cruise Missiles sei getroffen. Der Begriff beschreibt eine Bauart: Flugkörper, die auf geringe Kosten und Serienfertigung ausgelegt sind und in der Masse eingesetzt werden sollen, nicht als einzelne Präzisionswaffe. Die Flugkörper sollen Ziele „in einer Tiefe von etwa 1.500 Kilometern massiert bekämpfen“ und gegnerische Flugabwehrsysteme übersättigen. Konkrete Modelle nannte Freuding nicht. Zwei marktverfügbare Systeme stehen nach seinen Angaben im Fokus; beide müssen für die Bundeswehr erst geprüft und zugelassen werden. Zulassung heißt hier: Das System muss nachweisen, dass es die Anforderungen der Streitkräfte erfüllt, bevor es beschafft wird.

Dazu kommt eine Zuständigkeitsfrage. Freuding hält es für richtig, auch die hochwertigen US-Marschflugkörper, die die Bundesregierung in den USA kaufen will, dem Heer zuzuordnen. Die Begründung kommt aus der Perspektive der Landstreitkräfte: Günstige Masse und klassische Systeme ergänzten sich, im Verbund wirkten beide stärker. Aus einem Beschaffungsthema wird damit eine Organisationsfrage. Welche Teilstreitkraft eine Waffe führt, legt fest, wer Planung, Ausbildung und Einsatz verantwortet. Die Zuordnung zum Heer ist also eine Entscheidung darüber, wessen Auftrag das Feuer aus der Tiefe wird.

Parallel dazu hat das US-Rüstungsunternehmen Covenant Anfang Oktober 2026 seine Produktionsstätte in Leipzig eröffnet. Die Fertigung des Waffensystems Anthem soll 2027 beginnen. Ein erster Zulauf von Marschflugkörpern ist ab 2027 angestrebt.

Wie die Massenwaffe wirken soll

Ein Marschflugkörper ist ein unbemannter, angetriebener Flugkörper, der über weite Strecken fliegt und sein Ziel mit eigener Navigation ansteuert. „Tiefe“ meint hier den Abstand zur eigenen Front: Ziele, die weit hinter der gegnerischen Linie liegen. Zum Vergleich: Die Luftlinie zwischen Berlin und Rom beträgt rund 1.200 Kilometer. Die angepeilten 1.500 Kilometer reichen also über diese Entfernung hinaus.

Das Prinzip der Sättigung ist einfach. Eine Flugabwehr kann nur so viele Ziele abfangen, wie sie Abfangflugkörper und Feuerkapazität hat. Wer gleichzeitig viele Flugkörper schickt, zwingt sie, ihre Vorräte zu verbrauchen, bevor die präzisen und teuren Waffen durchkommen. Die Masse bindet die Abwehr, die klassischen Marschflugkörper sollen die wichtigen Ziele treffen. Freuding beschreibt genau diese Arbeitsteilung.

Die Kostenlogik ist dabei asymmetrisch. Eine Abfangrakete kostet in aller Regel ein Vielfaches des Flugkörpers, den sie abfangen soll. Wer billig in Serie produziert, zwingt den Verteidiger in eine Rechnung, die er auf Dauer nur gewinnt, wenn er ebenfalls in großen Stückzahlen abfangen kann.

Die Stärke des Konzepts ist zugleich seine Bedingung: Es rechnet mit großen Stückzahlen. An ihnen entscheidet sich, ob die Abwehr tatsächlich überlastet wird. Ein Konzept, das auf Masse setzt, muss die Masse beschaffen und bezahlen können – und dafür braucht es den Haushalt.

Wer zahlt – und in welchem Rahmen

Ende November 2025 hat der Bundestag für 2026 Verteidigungsausgaben von mehr als 108 Milliarden Euro beschlossen. Für 2025 lagen sie bei rund 86 Milliarden Euro. Rund 83 Milliarden Euro stammen aus dem Kernhaushalt, weitere 25,5 Milliarden aus dem kreditfinanzierten Sondervermögen für die Bundeswehr. Ein Sondervermögen ist ein Nebenhaushalt außerhalb des laufenden Haushalts, dessen Mittel für einen festen Zweck reserviert sind. Fast 48 Milliarden Euro sind für militärische Beschaffung eingeplant, davon fast 15 Milliarden allein für Munition.

Möglich macht das eine Grundgesetzänderung, die Union und SPD zum Ende der vergangenen Legislaturperiode eingebracht haben. Die Schuldenbremse begrenzt die Kreditaufnahme des Bundes; Verteidigungsausgaben fallen seither nicht mehr unter diese Regel. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sagte in der Debatte: „Der Haushalt 2026 zeigt sehr eindrucksvoll, dass wir es ernst meinen.“

Für die Marschflugkörper heißt das: Der Haushaltsrahmen für Beschaffung ist gesetzt, bevor ein Modell feststeht. Ein Haushaltstitel ist ein Ansatz im Plan; ob ein einzelnes Vorhaben daraus bezahlt wird, entscheidet der Vertrag. Der Rahmen zeigt also die Größenordnung, in der sich die Entscheidung bewegt, aber noch keine Summe für die Flugkörper selbst.

Der Einwand

Die stärkste Fassung der Befürworter lautet: Das Heer schafft eine Fähigkeit, die gegnerische Abwehr überfordert, und finanziert sie aus einem Haushalt, der Beschaffung ausdrücklich vorsieht. Freuding argumentiert militärisch und verweist auf die Ergänzung zu klassischen Systemen; Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) argumentiert politisch mit der Ernsthaftigkeit der Aufrüstung. Der Satz des Ministers verbindet Haushalt und Glaubwürdigkeit: Wer Verteidigung in Zahlen festlegt, muss sie auch in Beschaffung übersetzen.

Die stärkste Gegenposition kommt von der Linksfraktion. Ihr verteidigungspolitischer Sprecher Ulrich Thoden nannte den Haushalt „größtes Aufrüstungsprogramm der deutschen Geschichte“ und die Reaktionen auf Russlands Verhalten „alarmistisch und ohne Maß“. Während die Regierung sozialpolitisch kürze, gebe es für Rüstungsprojekte unendlich viel Geld. Thoden warf der Regierung außerdem einen intransparenten Umgang mit dem Parlament vor, der die Grenze zur Lüge überschreite.

Thoden richtet seine Kritik auf Geld und Verfahren, nicht auf die militärische Logik der Masse. Für die Bewertung heißt das: Die Frage, ob die Masse wirkt, und die Frage, ob das Geld dafür in einem vertretbaren Verhältnis steht, müssen getrennt betrachtet werden. Die erste entscheidet sich im Einsatz, die zweite im Verhältnis zu anderen Ausgaben.

Der Transparenzvorwurf berührt die Achse Demokratie. Ob Parlament und Öffentlichkeit die Auswahl, Prüfung und Zulassung eines Modells nachvollziehen können, entscheidet, ob der Vorwurf trägt. Die Achse Effizienz fragt, ob die Masse ihr Geld wert ist. Diese Frage lässt sich erst beantworten, wenn ein Modell feststeht und die Stückzahl benannt ist.

Was als Nächstes ansteht

Die Entscheidung über die Waffenart liegt vor, die über das Modell nicht. Zwei Systeme werden geprüft und müssen zugelassen werden, bevor ein Vertrag mit einem Hersteller in Betracht kommt. Ein erster Zulauf ist für 2027 angestrebt; Covenant plant den Produktionsbeginn in Leipzig für dasselbe Jahr.

Woran man im Herbst 2027 erkennt, ob der Plan trägt: Ein Modell ist benannt und zugelassen, und ein erster Flugkörper ist ausgeliefert. Bleibt eines davon aus, war die Entscheidung vom Oktober 2026 eine Festlegung auf die Waffenart und noch keine auf die Fähigkeit.