Was das Gericht daraus macht, ist die eigentliche Frage des 54. Prozesstages.
Am 54. Verhandlungstag im Prozess um die mutmaßliche Entführung zweier Kinder vor dem Landgericht Hamburg setzte der Kinderpsychologe Stefan Rücker am 11. Juni 2026 seine Zeugenaussage fort, die er bereits im Januar begonnen hatte. Er beschrieb, was er sich von seinem Auftrag versprochen hatte: „Es war für mich ein Anliegen, Brücken zu bauen." Die Eltern wieder an einen Tisch bringen – das sei sein Ziel gewesen. Er fand es nicht.
Was Rücker tat – und was sein Konzept enthielt
Rücker ist nach eigenen Angaben auf die Beratung von Eltern in Trennungssituationen spezialisiert. Christina Block engagierte ihn, nachdem ihr Ex-Mann Stephan Hensel die beiden jüngsten Kinder nach einem Wochenendbesuch im August 2021 nicht mehr nach Hamburg zurückgebracht hatte. Rücker beriet sie mehr als 100 Stunden, erstellte fachliche Einschätzungen zum Thema Eltern-Kind-Entfremdung und erarbeitete ein sogenanntes Rückführungskonzept. Darin schlug er unter anderem vor, für den Transport der Kinder einen Reisebus zu verwenden.
Vor Gericht betonte Rücker, dieses Konzept sei stets unter einer Bedingung entstanden: Die Rückführung sollte legal und freiwillig erfolgen. Er habe mehrfach Gespräche mit dem Familienanwalt des Ex-Mannes, Gerd Uecker, geführt, den er schon lange kannte. Eine Einigung gelang nicht.
Dass das Konzept in Teilen Ähnlichkeiten mit der späteren Entführungsaktion aufweist, macht seine Aussage für das Verfahren zentral. Laut Medienberichten flossen rund 40.000 Euro an Honorar an Rücker – eine Summe, die die Staatsanwaltschaft im Blick behält. Ob sie eine strafrechtlich relevante Verbindung herstellt, ist eine der Fragen, die das Gericht klären muss.
Was die Anklage behauptet – und was Christina Block bestreitet
Die Staatsanwaltschaft wirft Christina Block vor, eine israelische Sicherheitsfirma beauftragt zu haben, ihre beiden jüngsten Kinder aus Dänemark nach Hamburg zu bringen. In der Silvesternacht 2023/24 lauerten mehrere Männer dem Vater und den Kindern auf, als diese Feuerwerk beobachteten, zerrten die Kinder in ein Auto und brachten sie nach Deutschland. Dieser Vorwurf steht im Kern des Verfahrens, das am 11. Juli 2025 am Landgericht Hamburg begann.
Christina Block bestreitet, den Auftrag erteilt zu haben. Die israelische Sicherheitsfirma habe auf eigene Faust gehandelt, ließ sie erklären. Ihr Lebensgefährte Gerhard Delling ist wegen Beihilfe angeklagt; der langjährige Familienanwalt Andreas Costard ebenfalls. Insgesamt stehen sieben Personen vor Gericht. Bis auf einen Angeklagten – einen 36-jährigen Israeli, der die Vorwürfe dem Grunde nach eingeräumt hat, aber angab, er habe geglaubt, an einer Rettungsaktion teilzunehmen – weisen alle Beschuldigten die Anklagevorwürfe zurück. Für alle gilt die Unschuldsvermutung.
Wie der Prozesstag verlief
Am 54. Verhandlungstag befragte vor allem die Verteidigung von Christina Block den Psychologen zu seinen fachlichen Einschätzungen. Das führte zu einem Wortwechsel mit Richterin Isabel Hildebrandt. Der Vertreter der Nebenklage, Philip von der Meden, zweifelte den Sachverstand Rückers grundsätzlich an – was bei der Verteidigung auf scharfen Widerspruch stieß.
Parallel zur Verhandlung nahm die Hamburger Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen drei früher entlastete Personen aus der Region Pforzheim wieder auf, die im Umfeld des Verfahrens stehen sollen. Was diese Ermittlungsmaßnahme konkret trägt, ist nicht Gegenstand der laufenden Hauptverhandlung.
Der Prozess zeigt nach mehr als 60 Verhandlungstagen noch keine erkennbare Annäherung an ein Urteil. Laut einem Bericht des Tagesspiegels hat die Kammer rund 100 Prozesstage bis Jahresende angesetzt. Als Nächstes steht die Befragung einer forensisch-jugendpsychiatrischen Sachverständigen an, deren Gutachten die seelischen Folgen der Entführung für die Kinder einordnen soll – ein Abschnitt, den die Verteidigung wie die Nebenklage mit Spannung erwarten dürften.
Rücker wollte Brücken bauen. Das Gericht muss jetzt klären, ob sein Konzept stattdessen einer anderen Lösung den Weg geebnet hat.
