Am 30. Juni 2026 trafen Außenminister Hakan Fidan, die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas und die EU-Kommissare Marta Kos und Magnus Brunner in Ankara zusammen. Ihre gemeinsame Erklärung handelt von Handel, Zollunion, Migration, Visa und Sicherheit. Die Wörter Beitritt und Mitgliedschaft kommen darin nicht vor; sie erinnert an den Kandidatenstatus der Türkei. Wie es dazu kam, beschreiben die ersten beiden Teile dieser Reihe, Wie die Türkei vom Assoziierungsantrag 1959 zum EU-Kandidatenstatus 1999 kam und Wie die Beitrittsverhandlungen der Türkei zwischen 2005 und 2019 zum Stillstand kamen.
Was Brüssel, Berlin und Ankara im Herbst 2026 sagen
Der jüngste Länderbericht der Kommission vom 4. November 2025 hält fest, dass die Verhandlungen seit 2018 stillstehen. Die ernsten Sorgen der EU über Demokratie, Rechtsstaat, unabhängige Justiz und Grundrechte seien nicht ausgeräumt, bei Justiz und Grundrechten gebe es Rückschritte. Im März 2025 wurde Istanbuls Bürgermeister Ekrem İmamoğlu, der voraussichtliche Präsidentschaftskandidat der Opposition, wegen Korruptionsvorwürfen festgenommen; für ihn gilt die Unschuldsvermutung. Der Wirtschaft bescheinigt der Bericht, beim Aufbau einer funktionierenden Marktwirtschaft weit fortgeschritten zu sein. Den Erklärungen und Sanktionsbeschlüssen der EU-Außenpolitik schloss sich die Türkei bis Oktober 2025 nur zu 4 Prozent an, 2024 waren es 6 Prozent.
Im Rat trugen im Dezember 2025 nur 26 von 27 Mitgliedstaaten den gemeinsamen Erweiterungstext; die Ratspräsidentschaft veröffentlichte ihn deshalb in eigenem Namen. Er wiederholt, die Verhandlungen mit der Türkei seien faktisch zum Stillstand gekommen. Das Europäische Parlament schrieb am 17. Juni 2026, der Beitrittsprozess könne unter den jetzigen Umständen nicht wieder aufgenommen werden. Es verweist darauf, dass İmamoğlu seit dem 19. März 2025 in Haft sitzt und dass ein Berufungsgericht in Ankara am 21. Mai 2026 den Parteitag der größten Oppositionspartei, der CHP, von 2023 für nichtig erklärte und die gewählte Führung um Özgür Özel absetzte. Zugleich verlangt das Parlament, über einen neuen Rahmen jenseits des eingefrorenen Prozesses nachzudenken.
Die Koalition aus CDU, CSU und SPD nennt die Türkei in ihrem Koalitionsvertrag von 2025 einen wichtigen strategischen Partner in der NATO. Sie bedauert, dass sich das Land von der Werteordnung der EU zunehmend entferne, und nennt eine grundlegende Verbesserung bei Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechten ein zentrales Element. Ein Sprecher des Auswärtigen Amts sagte am 22. Juli 2026 nach der erneuten Festnahme eines Journalisten der Deutschen Welle: Die türkische Regierung halte am Ziel der Vollmitgliedschaft fest, dafür brauche es eine Entwicklung, die den Kopenhagener Kriterien nicht widerspricht.
Präsident Recep Tayyip Erdoğan erklärte zum Europatag am 9. Mai 2026, die Türkei wolle die Beziehungen mit der Perspektive der Vollmitgliedschaft voranbringen und erwarte denselben Willen von der EU. Die Union brauche die Türkei mehr als die Türkei die Union. Außenminister Fidan drängte im Februar 2026 gegenüber Kommissarin Kos darauf, die Zollunion zu erneuern; Kos nannte den Dialog über Rechtsstaat und Demokratie einen festen Teil der Beziehungen.
Zollunion, Visa, Verteidigung: wo sich etwas bewegt
Die Zollunion hat eine Unwucht, die die Weltbank 2014 beschrieb: Die Türkei muss Ländern, mit denen die EU ein Freihandelsabkommen schließt, dieselben Zollvorteile gewähren. Bei diesen Verhandlungen sitzt sie aber nicht am Tisch, und nicht jeder Partner schließt danach auch mit ihr ein Abkommen. Am 21. Dezember 2016 schlug die Kommission vor, die Zollunion zu erneuern und auf Dienstleistungen, Landwirtschaft und öffentliche Aufträge auszuweiten. Ihre Folgenabschätzung rechnete für die Türkei mit 1,44 Prozent mehr Wirtschaftsleistung und 12,5 Milliarden Euro mehr Wohlstand, für die EU mit 5,4 Milliarden Euro, in Preisen von 2016. Empfohlen hat die Kommission die Verhandlungen im Dezember 2016; im Oktober 2026 gibt es dafür nur den Entwurf eines Verhandlungsrahmens. Im Juni 2026 sprachen beide Seiten davon, den Weg zur Modernisierung zu ebnen. Das Europäische Parlament will am Ende nur zustimmen, wenn die Türkei unter anderem das Protokoll von 2005, das die Zollunion auf alle Mitgliedstaaten ausdehnt, ohne Ausnahme umsetzt.
Bei den Visa geht es um Alltag. Türkische Staatsangehörige brauchen für den Schengen-Raum ein Visum, das seit Juni 2024 90 Euro kostet. 2025 stellten sie rund 1,26 Millionen Anträge, nach China die meisten. 2024 lehnten die Schengen-Staaten 14,5 Prozent der Anträge in der Türkei ab. Seit dem 15. Juli 2025 gilt eine Stufenregel: Wer in drei Jahren zwei Visa ordnungsgemäß genutzt hat, bekommt ein Mehrfachvisum für ein Jahr, danach für drei und für fünf Jahre. Für die volle Visafreiheit fehlen sechs der 72 Bedingungen, darunter Änderungen am Anti-Terror-Gesetz und beim Datenschutz. Bei der Migration bleibt die EU-Türkei-Erklärung von 2016 der Rahmen; seit 2011 hat die EU nach dem Länderbericht mehr als zwölf Milliarden Euro für Flüchtlinge und ihre Aufnahmegemeinden in der Türkei bereitgestellt.
In der Sicherheitspolitik arbeitet die Türkei nach dem Länderbericht aktiv und substanziell an Krisenmissionen der EU mit. Das Rüstungskreditprogramm SAFE, das der Rat am 27. Mai 2025 beschloss, stellt bis zu 150 Milliarden Euro an Krediten bereit. Kandidatenländern steht es nur über ein eigenes Abkommen mit der EU offen. Das Europäische Parlament will die Zusammenarbeit stärken, wo sie beiden Seiten dient, nennt aber Hindernisse: die Kriegsdrohung gegen Griechenland für den Fall, dass Athen seine Hoheitsgewässer in der Ägäis auf zwölf Seemeilen ausdehnt, das russische Raketenabwehrsystem S-400 und den Ausschluss eines EU-Staats von der Zusammenarbeit mit der NATO. Ankara solle für seine EU-Ambitionen weniger die eigenen militärischen Fähigkeiten betonen und mehr die Lage der Demokratie verbessern, schreibt das Parlament.
Wie wichtig ist ein EU-Beitritt für die Türkei heute?
Wirtschaftlich ist die Bindung schon da. Von 100 Dollar, die die Türkei 2025 mit Warenexporten einnahm, kamen knapp 43 aus der EU und gut 8 allein aus Deutschland, ihrem größten Abnehmer. 31,7 Prozent ihrer Einfuhren stammten aus der EU. Von den ausländischen Direktinvestitionen kamen 2025 66 Prozent aus der EU, 2024 waren es 58 Prozent. Die EU führt diese Verflechtung vor allem auf die Zollunion zurück.
Sicherheitspolitisch schützt die Türkei seit 1952 die NATO. Was eine Mitgliedschaft hinzufügen würde, steht im EU-Vertrag: Wird ein Mitgliedstaat auf seinem Gebiet bewaffnet angegriffen, schulden ihm die anderen Hilfe und Unterstützung mit allen verfügbaren Mitteln, im Einklang mit den Pflichten in der NATO. Diese Klausel gilt nur unter Mitgliedern.
Innenpolitisch hat der Beitritt Rückhalt. In einer Umfrage im Auftrag der EU-Delegation in der Türkei vom Frühjahr 2025 würden 58 Prozent der Befragten für einen Beitritt stimmen, 66 Prozent sehen mehr Vor- als Nachteile. Als wichtigsten Nutzen nannten 45 Prozent bessere Lebensqualität, 38 Prozent das Reisen ohne Visum. Je 38 Prozent sorgen sich um die Abwanderung junger Menschen und um den Verlust kultureller Identität. Im Januar 2023 schrieben sechs Oppositionsparteien, darunter die CHP, die Vollmitgliedschaft und die Visafreiheit als Ziele in ihr gemeinsames Programm. Das Europäische Parlament registrierte 2026 Rufe türkischer Oppositionspolitiker, die Verhandlungen wieder zu öffnen; es bleibt skeptisch, solange die Regierung kein klares Signal sendet. In der EU befürworten nach der jüngsten Sonderumfrage, die die Kommission im November 2025 zitierte, 56 Prozent weitere Erweiterungen – eine Zahl für Erweiterung allgemein, nicht für die Türkei.
Drei Wege und ihre Annahmen
Entschieden ist keiner der Wege; jeder hängt an prüfbaren Bedingungen.
Beitritt. Annahme: Der Rat hebt seine Feststellung vom Stillstand auf, und die Türkei wendet das Protokoll von 2005 gegenüber allen Mitgliedstaaten an, auch gegenüber Zypern; die EU nennt die Anerkennung aller Mitgliedstaaten seit 2005 einen notwendigen Teil des Beitrittsprozesses. Die Kopenhagener Kriterien – Demokratie und Rechtsstaat, Marktwirtschaft, Übernahme des EU-Rechts – müssten erfüllt sein. Am Ende stehen ein einstimmiger Beschluss des Rates, die Zustimmung der Mehrheit der Mitglieder des Europäischen Parlaments und die Ratifizierung in allen Mitgliedstaaten. In Frankreich verlangt die Verfassung dafür eine Volksabstimmung, außer beide Parlamentskammern beschließen mit drei Fünfteln den parlamentarischen Weg. Erkennbar wäre dieser Weg an Ratsschlussfolgerungen ohne die Feststellung des Stillstands.
Zollunion plus. Annahme: Der Rat erteilt das 2016 vorgeschlagene Mandat, und die Türkei erfüllt die Bedingungen des Parlaments. Die Kommission knüpfte die Wiederaufnahme der Gespräche im November 2023 daran, dass die Türkei die Umgehung der Russland-Sanktionen unterbindet und Handelshemmnisse abbaut; der Europäische Rat misst seit April 2024 den Gesprächen über Zypern besondere Bedeutung bei. Ergebnis wäre eine engere wirtschaftliche Bindung ohne Sitz im Rat. Erkennbar an einem Verhandlungsmandat.
Status quo. Annahme: Keine der beiden Bedingungen tritt ein. Dann bleibt es beim Kandidatenstatus ohne Verhandlungen und ohne Assoziationsrat, der seit 2019 nicht mehr tagt, bei Fachdialogen – seit November 2023 zehn auf hoher Ebene –, bei der Stufenregel für Visa und der Zusammenarbeit bei Migration. Den nächsten Prüfpunkt setzt die Kommission: Erweiterungskommissarin Kos hat den neuen Länderbericht nach Medienberichten für den 28. Oktober 2026 angekündigt.
