Der Bundestag beschloss das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz am 5. Dezember 2025, in Kraft getreten ist es am 1. Januar 2026. Männer ab dem Geburtsjahrgang 2008 müssen seitdem einen Fragebogen zu Eignung und Motivation ausfüllen; Frauen können ihn freiwillig beantworten. Die verpflichtende Musterung greift für denselben Jahrgang ab dem 1. Juli 2027. Der Dienst an der Waffe selbst bleibt freiwillig – mindestens sechs Monate als Freiwilliger Wehrdienstleistender, ab zwölf Monaten Soldat auf Zeit. Die Bundeswehr zahlt mindestens 2.600 Euro brutto im Monat, zuzüglich Unterkunft und Verpflegung.
Das Gesetz setzt ein Ziel: bis 2035 soll die Bundeswehr auf insgesamt 460.000 Soldatinnen und Soldaten kommen – 260.000 Zeit- und Berufssoldaten sowie 200.000 Reservisten. Derzeit sind rund 185.000 aktive Soldaten im Dienst. Die Differenz soll das freiwillige Modell schließen; reicht es nicht, kann der Bundestag per gesondertem Beschluss eine Bedarfswehrpflicht aktivieren.
Dass die Umsetzung schon vor dem gesetzlichen Pflichttermin begann, hat das Bundesverteidigungsministerium im September 2026 eingeräumt: Seit Juli 2026 wurden knapp 1.000 junge Männer gemustert, die im Fragebogen kein Interesse an der Bundeswehr angegeben hatten. Das Schulstreikkomitee Kiel berichtete, dass die Ladungsschreiben den verpflichtenden Charakter dieser Termine nicht kenntlich machten.
CDU/CSU: Freiwilligkeit mit Verfallsdatum
CDU und CSU trugen das Gesetz als Regierungspartei mit – und brachten gleichzeitig eigene Forderungen in Stellung. Die Junge Union setzt der freiwilligen Phase eine Frist: Falls die Bundeswehr die Personalziele bis 2027 nicht erreicht, soll die Wehrpflicht verbindlich eingeführt werden. Die Unionsfraktion formuliert es vorsichtiger: Sie wolle die Wehrpflicht „nicht aus dem Auge verlieren", der Koalitionsvertrag lasse die Option ausdrücklich offen.
Den Widerspruch zwischen Forderung und Biografie illustriert der Fall des Landtagsabgeordneten Martin Balasus aus Schleswig-Holstein. Balasus hat vor zwanzig Jahren den Kriegsdienst verweigert; heute fordert er die Wehrpflicht zurück. Für einen einwöchigen Bundeswehr-Schnupperkurs der Luftwaffe in Heide musste er seine frühere Verweigerung zurückziehen und eine Musterung absolvieren. Seine Erklärung: „Viele glaubten damals, Krieg in Europa gehöre der Vergangenheit an. Heute wissen wir, dass das eine Illusion war." Wann Überzeugung endet und politische Opportunität beginnt, lässt sich diesem Satz nicht entnehmen.
Programmatisch steht die Union für Wiedereinführung der Wehrpflicht als Sicherheitsnetz – nicht sofort, aber spätestens dann, wenn das freiwillige Modell die Lücke nicht schließt. Die Einberufungsinfrastruktur dafür schaffe das aktuelle Gesetz bereits.
SPD: Freiwilligkeit als Bekenntnis, Bedarfswehrpflicht als Reserve
Die SPD hält die Freiwilligkeit des Dienstes für den richtigen Weg und stellt sie ins Zentrum ihrer Kommunikation. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius betonte bei der Verabschiedung des Gesetzes dessen attraktiven Charakter – gute Bezahlung, moderne Ausbildung, klare Karrierepfade. Eine Bedarfswehrpflicht schließt er nicht aus, setzt aber keinen Automatismus: Sie erfordert einen eigenen Bundestagsbeschluss, tritt also nicht selbsttätig in Kraft.
Die SPD-Linie unterscheidet sich von der Unionslinie weniger im Gesetzestext als in der Tonlage. CDU/CSU betonen die Wehrpflicht als Option, die man bereithält. Die SPD betont das Freiwilligenprinzip und verweist auf die Vergütung und Zusatzleistungen – unter anderem Führerscheinzuschüsse bis zu 5.000 Euro für Lkw-Klassen – als Argumente für den Dienst. Der Verteidigungshaushalt 2026 ist auf 82,7 Milliarden Euro angesetzt, zuzüglich über 25,5 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Bundeswehr.
Für 2026 sind 10.000 neue militärische und 2.000 zivile Planstellen vorgesehen. Mit dem neuen Wehrdienstgesetz sollen weitere 20.000 militärische Stellen für Soldaten auf Zeit entstehen.
Grüne: Nein zum Modell, Ja zur Musterung – je nach Abgeordnetem
Die Grünen stimmten im Bundestag gegen das Gesetz. Die Fraktionsführung lehnte das schwarz-rote Wehrdienstmodell ab. Zugleich sprachen sich Teile der Fraktion für eine verpflichtende Musterung aller jungen Männer aus – was der Kern des beschlossenen Gesetzes ist.
Katharina Fegebank, Zweite Bürgermeisterin Hamburgs und bis zur Bundestagswahl im Frühjahr 2025 prominente Grünen-Politikerin, nahm zusammen mit dem Grünen-Abgeordneten Till Steffen an einem ähnlichen Bundeswehr-Schnupperseminar teil wie Balasus. Das ist kein Programmbeschluss, zeigt aber eine innere Bandbreite der Partei, die weit über ein simples Nein zum Wehrdienst hinausgeht.
Einige Grünen-Abgeordnete diskutieren intern eine allgemeine Dienstpflicht, die über die Bundeswehr hinausginge – ein Modell, das im aktuellen Gesetz keine Grundlage hat. Programmatisch ist das eine Position, keine Linie. Die Fraktionsabstimmung im Dezember 2025 war klar: Ablehnung.
AfD: Wehrpflicht sofort, Auslandseinsätze nein
Die AfD tritt für die unmittelbare Wiedereinführung einer verbindlichen Wehrpflicht ein. Für Männer soll sie verpflichtend gelten; Ausländer sollen ausgeschlossen bleiben. Die Fraktion unter Alice Weidel hat entsprechende Anträge in den Bundestag eingebracht und das beschlossene Gesetz als unzureichend abgelehnt. Die AfD sieht das Freiwilligenprinzip als Augenwischerei: Das Personalproblem der Bundeswehr werde nicht an der Wurzel gepackt, solange der Dienst freiwillig bleibe.
Auslandseinsätze der Bundeswehr lehnt die AfD grundsätzlich ab – sie ordnet Streitkräfte ausschließlich der Landesverteidigung zu. Das unterscheidet ihre Position strukturell von CDU/CSU und SPD, die Bündnisverteidigung im NATO-Rahmen als Kernauftrag der Bundeswehr führen.
Auch brachte die AfD-Fraktion im Bundestag einen Antrag zur Streichung der Wehrpflicht aus dem Grundgesetz ein – in entgegengesetzter Absicht zu dem der Linken: Die AfD wollte damit offenbar klarstellen, dass eine echte Wiedereinführung einen Verfassungsakt erfordern würde. Das Manöver blieb parlamentarisch ohne Wirkung.
Die Linke: Wehrpflicht aus dem Grundgesetz streichen
Die Linke lehnt jede Form der Wehrpflicht ab und fordert ihre Streichung aus Artikel 12a des Grundgesetzes. In ihrer Programmatik gilt die Wehrpflicht als Instrument zur Durchsetzung machtpolitischer Interessen, das mit einer friedensorientierten Außenpolitik unvereinbar sei. Die Fraktion sieht im neuen Wehrdienstgesetz eine Vorstufe zur Wiederkehr der Einberufung und wertet auch die verpflichtende Musterung als Teil dieser Logik.
Die Linke stellte nach Inkrafttreten des Gesetzes eine Kleine Anfrage im Bundestag zur konkreten Umsetzung – ein parlamentarisches Mittel, das die Fraktion als Kontrollinstrument nutzt, ohne dem Gesetz inhaltlich näherzurücken.
Die Verweigerer-Kurve – das Raster in Zahlen
Das stärkste empirische Signal des Jahres ist nicht im Bundestag abzulesen, sondern beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben. Bis Ende August 2026 gingen dort 12.102 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung ein – dreimal so viele wie im gesamten Jahr 2025 und mehr als fünfmal so viele wie 2024. Das Recht auf Verweigerung ist in Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes verankert und gilt unabhängig davon, ob der Dienst verpflichtend oder freiwillig ist.
Wie die Parteien auf diese Kurve reagieren, zeigt erneut das Raster: CDU/CSU und SPD sehen sie als Argument für Attraktivitätssteigerung des freiwilligen Dienstes. Die AfD nutzt sie als Beleg für die Notwendigkeit verbindlicher Einberufung. Die Grünen sind auf der Suche nach einer Position, die Sicherheitspolitik und Bürgerrechte verbindet. Die Linke betrachtet die Zahlen als Bestätigung ihrer Ablehnung – und als gesellschaftliches Votum gegen Militarisierung.
Ein Gesetz, fünf Parteien, eine Kurve. Die Kurve zeigt nach oben.
