Am 9. Oktober 2026 hat das IAB seine Regionalprognose für 2026 und 2027 veröffentlicht. Sie beantwortet eine Frage, die in der Rentendebatte oft offenbleibt: Wo kommt die Lücke an, wenn die geburtenstarken Jahrgänge aus dem Arbeitsleben ausscheiden? Gemeint ist die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, also die Stellen, für die Beiträge zur Sozialversicherung gezahlt werden. Die Prognose zeigt, dass die Lücke 2027 in den meisten Ländern sichtbar wird.

Wo die Beschäftigung 2027 sinkt

Das IAB rechnet nicht bundesweit, sondern für jedes der 16 Länder. Die Angaben sind Veränderungen in Prozent gegenüber dem Vorjahr. Am deutlichsten fällt der Rückgang im Saarland aus, mit minus 1,3 Prozent, gefolgt von Thüringen mit minus 0,7 Prozent. Bremen und Sachsen-Anhalt verlieren je 0,6 Prozent.

Die Ausnahmen sind schmal. Berlin liegt mit plus 0,7 Prozent klar vorn, Brandenburg und Niedersachsen kommen mit je 0,1 Prozent kaum über die Nulllinie. Prozentzahlen wirken klein, aber jeder Punkt steht für Stellen, die in einem Land wegfallen, während andere Länder sie nicht ausgleichen.

Die Lage ist dort besonders schwierig, wo die Industrie den Arbeitsmarkt prägt. Das verarbeitende Gewerbe kämpft nach dem Bericht mit gravierenden strukturellen Problemen. Bei der Arbeitslosigkeit liegt Bremen mit 11,3 Prozent an der Spitze, Bayern mit 4,1 Prozent am unteren Ende (Stand der Berichte vom 9. Oktober 2026).

Der Abwärtstrend ist nicht neu. Schon die Regionalprognose vom 10. April 2026 erwartete für 2026 in zehn von 16 Ländern einen Rückgang. Das Saarland lag damals bei minus 1,2 Prozent, Sachsen-Anhalt bei minus 1,0 Prozent. Zuwächse meldete die Prognose für Hamburg (plus 0,5 Prozent), Niedersachsen (plus 0,3 Prozent) sowie Nordrhein-Westfalen und Brandenburg (je plus 0,1 Prozent).

Der Vergleich der beiden Veröffentlichungen zeigt, wohin sich die Länder bewegen. Hamburg und Nordrhein-Westfalen verlieren ihren Zuwachs und fallen 2027 in den Rückgang, Niedersachsen und Brandenburg bleiben knapp im Plus. Das Saarland verschärft sein Minus von 1,2 auf 1,3 Prozent, Sachsen-Anhalt schwächt seines von 1,0 auf 0,6 Prozent ab.

Warum die Zahl sinkt: Renteneintritt und Zuwanderung

Die Prognose führt den Rückgang vor allem auf demografische Effekte zurück. Dahinter stehen zwei Bewegungen, die zusammenwirken. Die geburtenstarken Jahrgänge erreichen das Rentenalter, und es kommen weniger Menschen aus dem Ausland nach Deutschland. Dem Arbeitsmarkt stehen damit weniger Menschen zur Verfügung.

Der Begriff verdient eine genauere Fassung, weil an ihm die Rentenfrage hängt. Das Arbeitsangebot umfasst alle, die arbeiten oder arbeiten wollen. Scheidet eine ganze Altersgruppe aus, sinkt dieses Angebot, auch wenn die Nachfrage der Unternehmen gleich bliebe. Zuwanderung kann das Angebot wieder auffüllen, und genau dieser Ausgleich fehlt nach der Prognose in den meisten Ländern.

Die Kette lässt sich in drei Schritten nachvollziehen. Erstens scheiden Beschäftigte aus, weil sie in Rente gehen. Zweitens kommen weniger Menschen aus dem Ausland, die diese Lücke füllen könnten. Drittens ergibt sich daraus der Rückgang, den das Institut in den meisten Ländern ausweist.

Hier berührt der Arbeitsmarkt die Rente unmittelbar. Wer aus der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in den Ruhestand wechselt, zahlt nicht mehr als Beschäftigter in die Rentenversicherung ein. Ein Verlust an solchen Stellen ist deshalb zugleich ein Verlust an Beitragszahlern. Die Prognose rechnet allerdings in Prozent Beschäftigung, nicht in Beitragseuro. Der Rentenbezug ist damit ein Mechanismus, den diese Zahlen anzeigen, aber keine Summe, die man ablesen könnte.

Was die Gegenrechnung trägt

Die naheliegende Gegenrechnung setzt bei der Konjunktur an. Die Prognose räumt verbesserte Konjunkturaussichten ein. Die IAB-Forscherin Anja Rossen sagte dazu: „Trotz verbesserter Konjunkturaussichten zeigt sich auf den regionalen Arbeitsmärkten noch keine generelle Trendwende.“ Wer auf einen Aufschwung setzt, rechnet also mit einer Erholung, die das Institut für 2027 noch nicht sieht.

Wie träge der Arbeitsmarkt reagiert, beschreibt Andrea Nahles, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit. Sie hatte erklärt, dass sich eine Konjunkturschwäche mit Verzögerung auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar macht. Ebenso braucht eine Erholung Zeit, bis sie bei den Beschäftigten ankommt. Für die Prognose heißt das: Eine bessere Konjunktur schlägt nicht sofort auf die Beschäftigung durch. Der Renteneintritt folgt dem Geburtsjahr, nicht der Konjunktur. Die demografische Komponente läuft deshalb weiter, auch wenn die Wirtschaft anzieht.

Die stärkste Fassung des Einwands ist eine andere: Die Margen sind klein. Zwischen Wachstum und Rückgang liegen in den meisten Ländern nur Zehntelprozentpunkte. Dass Hamburg und Nordrhein-Westfalen innerhalb eines halben Jahres von Zuwachs in Rückgang gewechselt haben, zeigt, wie nah beide Richtungen beieinanderliegen. Wer dem Befund widerspricht, hat hier seinen Ansatzpunkt. Er muss aber erklären, wie ein Aufschwung den demografischen Abgang etwa im Saarland ausgleichen soll, das schon 2026 deutlich verlor, während die Zuwanderung fehlt.

Was als Nächstes ansteht

Die Prognose lässt sich an zwei Punkten prüfen. Der erste ist das Saarland, Thüringen oder Sachsen-Anhalt: Kommen diese Länder aus dem Minus, widerspricht das dem Befund eines breiten Rückgangs. Der zweite ist Berlin: Hält es seinen Zuwachs von 0,7 Prozent, bleibt die Hauptstadt die deutlichste Ausnahme.

Ein dritter Maßstab liegt im Vergleich der Veröffentlichungen. Kehren Hamburg und Nordrhein-Westfalen in die Wachstumsliste zurück, war der Herbstbefund ein Zwischenstand. Bleiben beide im Minus und gewinnt das Saarland nicht an Boden, spricht wenig dafür, dass sich der Trend in den nächsten Prognosen dreht.

Bleibt die Zuwanderung schwach und scheiden weiter geburtenstarke Jahrgänge aus, ist die Rente in dieser Rechnung kein Konjunkturrisiko, sondern ein Kalender.