Die Koalition verlagert die Kosten der Rente auf den Beitrag. Die Union streitet derweil über das Rentenalter.

Am Samstag spricht Bundeskanzler Friedrich Merz beim Deutschlandtag der Jungen Union in Bonn und stellt sich danach der Aussprache. Am Sonntag folgt der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, der den Auftritt nach Berichten traditionell für die Profilierung gegenüber Berlin nutzt. Das Treffen steht unter dem Motto „Lust auf Zukunft“ und dreht sich vor allem um KI; die Rente steht daneben im Fokus. Die Junge Union galt lange als Unterstützerbasis des CDU-Vorsitzenden und hat ihn zugleich mit eigenen Beschlüssen herausgefordert. Ihre Forderung ist eindeutig: Die Rente mit 63 soll weg, das Rentenalter soll an die Lebenserwartung gekoppelt werden. Nach dem Vorschlag der JU würde es ab 2031 alle zehn Jahre um sechs Monate steigen.

Die Koalition hat ihre eigene Antwort angekündigt. Sie will die Empfehlungen der Alterssicherungskommission in einem Gesetzespaket umsetzen und das Paket bis Ende 2026 im Bundestag verabschieden. Merz nannte das Vorhaben im Juli „die zweite große Reform nach der Gesundheitsreform“. Ein Gesetz ist es noch nicht. Die Koalition will die Rente zukunftsfest machen. Ihr Haushaltsentwurf für 2027 verteuert nach Rechnung der Rentenversicherung den Beitrag.

Was die Rente seit 1997 gekostet hat

Die Zahlen, auf die man sich beruft, beschreiben die Vergangenheit, und sie sprechen gegen den Alarm. Die Hans-Böckler-Stiftung, die den Gewerkschaften nahesteht, hat nachgerechnet: Die Ausgaben der gesetzlichen Rentenversicherung lagen 2024 bei 9,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, 1997 bei zehn Prozent. Der Beitragssatz sank im selben Zeitraum von 20,3 auf 18,6 Prozent des Bruttolohns, obwohl die Zahl der Rentnerinnen und Rentner um drei Millionen stieg.

Florian Blank vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut, das zur selben Stiftung gehört, zieht daraus den Schluss: „Die Datenanalyse ergibt, dass das System der gesetzlichen Rente recht solide dasteht.“ Beide Stimmen kommen also aus einem gewerkschaftsnahen Haus. Das macht die Rechnung nicht falsch. Es verlangt, sie gegen die Gegenstimmen zu halten, und die gibt es.

Der Bund trägt einen kleineren Teil der Rente als vor zwanzig Jahren. 2003 finanzierte er 34 Prozent der Rentenversicherung, 2024 noch 29 Prozent. Am Bundeshaushalt gemessen flossen 2024 24,6 Prozent in den Zuschuss, um die Jahrtausendwende waren es 26,3 Prozent. Aus dem Zuschuss zahlt der Bund versicherungsfremde Leistungen, denen keine Beiträge gegenüberstehen: die Mütterrente, Zeiten der Kindererziehung, beitragsfreie Phasen bei Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Ausbildung.

Mein Maßstab ist einfach: Wer zahlt, wenn die Rechnung kommt – und ab wann?

Was die Milliarde 2027 bedeutet

Der Haushaltsentwurf für 2027 sieht vor, den zusätzlichen Bundeszuschuss zur Rente um eine Milliarde Euro zu kürzen. Die Deutsche Rentenversicherung warnt, solche Kürzungen schlügen auf die Beiträge durch. Eine Milliarde weniger Zuschuss hebe den Beitragssatz um rund 0,05 Prozentpunkte.

Ein Gedankenspiel: Der Vorstand eines Konzerns kürzt den Zuschuss zur Betriebsrente seiner Belegschaft um eine Milliarde und erklärt auf der Hauptversammlung, so verteile er die Lasten zwischen den Generationen gerecht. Man würde nach der Rechnung fragen. Sie wäre dieselbe.

Für den Leser heißt das in drei Antworten. In Euro: rechnerisch 1,50 Euro im Monat bei einem Bruttolohn von 3.000 Euro, für den Beitrag insgesamt, Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil zusammen. In Jahren: Nach dem Vorschlag der JU greift die Kopplung ab 2031, dann in Sechs-Monats-Schritten. Ab wann: Der Zuschuss wirkt mit dem Haushaltsjahr 2027, sofern der Bundestag den Entwurf so beschließt. Ab 2027 zahlt der Beitrag. Ab 2031 zählt das Rentenalter.

Die stärkste Fassung der Gegenseite ist nicht die Haushaltskasse. Sie heißt Lebenserwartung, und sie ist stark: Wer länger lebt, bezieht länger Rente. Ein Rentenalter, das stehen bleibt, verschiebt jedes gewonnene Lebensjahr auf die, die noch einzahlen. Die JU hat deshalb recht, das Rentenalter als Stellschraube ernst zu nehmen.

Der stärkste Einwand gegen meinen eigenen Befund lautet: Rückblick ist kein Ausblick. Die Zahl der Älteren wächst, und die Zahlen von 1997 bis 2024 sagen nichts darüber, was später fällig wird. Das trifft, und ich räume es ein. Es trifft aber nicht die Kürzung für 2027. Ein Argument für die Zukunft ist kein Argument für den Beitrag von heute.

Das Finanzministerium unter Lars Klingbeil (SPD) verantwortet den Entwurf. Dass ein Haushalt jede Milliarde umdreht, ist verständlich. Wer sie beim Zuschuss holt, legt sie allerdings auf den Beitrag, und zwar auf den der Jungen, die heute arbeiten. Der Preis fällt bei der Koalition an: Wer Generationengerechtigkeit verspricht und den Beitrag verteuert, verliert genau die Glaubwürdigkeit, die er braucht. Dieselbe Rechnung gälte unter jedem Finanzminister, der diesen Zuschuss kürzt.

Die Kopplung ans Lebensalter mag die richtige Antwort auf 2031 sein. Auf 2027 ist sie keine Antwort. Die Milliarde ist keine Generationenpolitik, sondern eine Umbuchung.

Die Junge Union redet über 2031. Der Haushalt entscheidet über 2027. Bezahlt wird aus dem Beitrag.