Die Zahl 74 wird gern als Pflicht gelesen, und sie ist keine. Gemeint ist eine Rechnung: Die OECD erwartet für Dänemark, dass Männer, die 2024 mit 22 Jahren ins Berufsleben einsteigen und durchgehend arbeiten, Ende der 2060er-Jahre mit 74 Jahren in Rente gehen. Die Rechnung setzt also einen lückenlosen Lebensweg voraus. Das höchste Renteneintrittsalter für Männer lag 2024 bei 67 Jahren, in Dänemark ebenso wie in Norwegen, Island und den Niederlanden. Das stärkste Argument für die Kopplung ist, dass sie das Rentenniveau hält. Als Entlastung verkauft, ist sie die halbe Rechnung.
Im Europa-Vergleich ist Dänemark der Spitzenreiter, aber kein Einzelfall. Gegenüber den Rentenzugängen von 2024 steigt das reguläre Rentenalter nach dieser Rechnung EU-weit für Männer um zwei Jahre, für Frauen um 2,4 Jahre. In 21 von 32 untersuchten Ländern betrifft der Anstieg Männer, in 24 Frauen. Die Idee dahinter ist nicht neu: Die EU-Kommission hat 2012 in einem Weißbuch vorgeschlagen, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln und das kürzere Arbeitsleben von Frauen dem der Männer anzugleichen,. Vorschreiben kann sie den Mitgliedstaaten keine Reformen.
Deutschland steht in dieser Rechnung nicht am Rand. Für Männer, die 2024 in Rente gingen, lag das Renteneintrittsalter nach OECD-Daten bei 66,2 Jahren – unter den fünf größten Volkswirtschaften Europas der höchste Wert. Die eigentliche Frage lautet, wie weit Berlin diesen Weg gehen will.
Was die Kommission empfiehlt
Am 23. Juni 2026 hat die Rentenkommission einen Plan mit 33 Punkten vorgelegt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) unterstützt die Empfehlungen. Der Kern: das Rentenalter an die Lebenserwartung koppeln, die Frühverrentung abschaffen und Beamte sowie Selbstständige in die Pflichtversicherung einbeziehen. Dazu sollen die Pflichtbeiträge am Kapitalmarkt angelegt werden. Wer Anfang der 2030er Jahre in Rente geht, hat 67 Jahre als Grenze. Danach soll das Alter schrittweise mit der Lebenserwartung steigen, bis es Anfang der 2090er Jahre bei etwa 70 liegt. Gesetz wird daraus erst, wenn der Bundestag beschließt. Die Regierung hoffte, das vor der Sommerpause durchzubringen.
Das stärkste Argument dafür steht im OECD-Bericht selbst. Ein höheres Rentenalter bleibe eine gängige Strategie, um die finanzielle Tragfähigkeit der Renten zu verbessern, ohne das Rentenniveau zu senken. Die Alternativen seien höhere Beiträge oder geringere Leistungen. Wer das Rentenniveau halten will, braucht Geld oder Zeit, und die Kopplung liefert Zeit. Das Argument trifft die Logik. Wer sie bestreitet, muss sagen, woher das Geld sonst kommen soll.
Nur folgt daraus keine Entlastung. Die Kopplung ersetzt einen möglichen höheren Beitrag durch Arbeitsjahre; das ist eine Verlagerung der Last, keine Streichung. Dem Einwand ist zuzugeben, dass ein steigender Beitrag die Jungen direkter träfe. Das spricht für die Kopplung, nicht für das Wort Entlastung. Wer es benutzt, muss beide Seiten der Rechnung nennen: was die Jungen beim Beitrag erspart und was sie an Lebenszeit kostet. Ein Satz, der nur eine Seite nennt, ist Werbung.
Was Merz Entlastung nennt
Merz sagt, kein Bürger müsse sich Sorgen machen. Die Maßnahmen würden den Zusammenbruch des Systems verhindern und den Generationenvertrag stärken. Die Jungen bekämen damit „Grund zum Optimismus“, weil eine enorme Last von ihren Schultern genommen werde. Scheitern sei keine Option. Merz verspricht den Jungen eine Last weniger – die Empfehlung, die er unterstützt, verlängert ihren Weg in den Ruhestand.
Die Gerechtigkeitsfrage ist keine Formulierungsfrage. Wer Beamte und Selbstständige in die Pflichtversicherung holt, verteilt die Lasten anders als bisher; wer Beiträge am Kapitalmarkt anlegt, macht sie von Kursen abhängig. Vorher hatten einige linke Regierungsmitglieder der SPD und Gewerkschaften die Fairness einzelner Empfehlungen infrage gestellt. Merz sagte, die Koalition sei sich einig und wolle sich nicht in Formulierungen verstricken. Einigkeit über den Text beantwortet aber nicht die Frage, wer die Lebenszeit bezahlt.
Stellen Sie sich vor, eine Bundesregierung ließe die Beiträge der Jungen steigen und nennte das Entlastung. Die Opposition wäre laut, die Gewerkschaften auch, und sie hätten recht zu fragen, wo die Entlastung bleibt. Hier klingt dieselbe Formel nach Fürsorge.
Die 74 aus Dänemark sind eine Projektion, die 70 aus Berlin eine Empfehlung. Pflicht wird die 70 erst mit einem Gesetz des Bundestags. Bis dahin gilt für das Wort Entlastung dieselbe Probe wie für jede Rechnung: Was kommt zurück, und in welcher Währung? Die Währung dieser Entlastung heißt Arbeitsjahre. Wer die Entlastung verspricht, sollte die Währung beim Namen nennen.
