Am 20. Januar 2017, dem Tag der Amtseinführung, legte das Office of Legal Counsel des US-Justizministeriums ein Gutachten vor: Das Anti-Nepotismus-Gesetz, das jedem Amtsträger – ausdrücklich auch dem Präsidenten – verbietet, Verwandte bis hin zum Schwiegersohn einzustellen, gelte nicht für das Büro des Weißen Hauses. Jared Kushner wurde Berater, Ivanka Trump gut zwei Monate später unbezahlte „Advisor to the President“. Am 17. Januar 2023 antwortete Haluk Bayraktar, Generaldirektor von Baykar, dem Oppositionspolitiker Ali Babacan, der Staat lenke alle Mittel auf eine Firma: Sein Bruder Selçuk sei 2016 Schwiegersohn geworden, die Drohne TB2 habe Baykar da schon ausgeliefert.
Zwei Verteidigungen, zwei Hauptstädte: Das Gesetz greift hier nicht, und die Firma war vorher da. Wer beide Familien messen will, braucht vorab einen Begriff. Nepotismus heißt hier: Ein Amtsträger verschafft Angehörigen Ämter, Aufträge oder Vorteile aus staatlicher Hand – nicht, dass Angehörige eines Amtsträgers überhaupt Geschäfte machen. Vier Fragen, für beide Seiten gleich: Wer aus der Familie trägt ein Amt? Welche Familiengeschäfte hängen von Staaten ab? Was sieht das Recht an Offenlegung und Kontrolle vor? Welche Verfahren laufen?
Trump: Ämter ohne Anstellung, Geschäfte mit Staatsfonds
Amt. Kushner erhielt seinen Titel am 19. Februar 2026 beim ersten Treffen des „Board of Peace“, als Trump sagte, Jared werde „also envoy of peace“. Eine Anstellung ist das nicht; das Weiße Haus nannte die Tätigkeit nach Medienberichten freiwillig. Die Folge beschreibt Robert Garcia, ranghöchster Demokrat im Aufsichtsausschuss des Repräsentantenhauses, am 5. Oktober 2026: Kushner sei von Offenlegungspflichten und externer Aufsicht ausgenommen – wer nicht Bundesbediensteter ist, legt kein Vermögen offen. Die Söhne Donald Trump Jr. und Eric Trump führen die Trump Organization.
Geschäft. Affinity Partners verwaltet nach Raskins Brief vom 16. April 2026 rund 6,16 Milliarden Dollar, 99 Prozent davon von ausländischen Anlegern aus Saudi-Arabien, Katar und den Emiraten, teils aus deren Staatsfonds. Die Kryptofirma World Liberty Financial gehört zu 75 Prozent der Trump-Gesellschaft DT Marks Defi LLC, und diese laut Trumps Offenlegung vom Juni 2025 zu 69 Prozent seiner Holding DTTM Operations und zu 30 Prozent „Trump Family Members“ – welche, steht nicht im Formular. Für 2024 standen dort 57,4 Millionen Dollar Token-Erlöse; die Offenlegung vom 30. Juni 2026 für das Jahr 2025 nennt nach Medienberichten mehr als 500 Millionen Dollar aus World Liberty und 635 Millionen Dollar Lizenzgebühren aus dem Memecoin $TRUMP. Am 14. August 2026 erteilte die Bankenaufsicht OCC der World Liberty Trust Company eine vorläufige, an Bedingungen geknüpfte Zulassung als Treuhandbank. Katar schenkte dem Verteidigungsministerium eine Boeing 747, die Trump mit rund 400 Millionen Dollar bezifferte; die Annahme entspreche allen Bundesvorschriften, erklärte das Pentagon am 21. Mai 2025.
Kontrolle. Die Emoluments-Klausel der Verfassung verbietet Amtsträgern, ohne Zustimmung des Kongresses Geschenke eines fremden Staates anzunehmen; ob sie gegen einen Präsidenten einklagbar ist, blieb offen, seit der Supreme Court die Urteile aus Trumps erster Amtszeit am 25. Januar 2021 als erledigt aufhob. Das Interessenkonflikt-Strafrecht nimmt den Präsidenten ausdrücklich aus (18 U.S.C. § 202(c)); offenlegen muss er dennoch, jährlich und öffentlich, einschließlich Ehefrau und unterhaltsberechtigter Kinder – nicht aber erwachsene Söhne und Schwiegersöhne. Die Trump Organization versprach am 10. Januar 2025 keine neuen Verträge mit ausländischen Regierungen und stellte fest, weder Bundesrecht noch Verfassung verlangten vom Präsidenten eine Trennung von seinen Geschäften. Das Weiße Haus wies am 1. Juli 2026 jeden Interessenkonflikt zurück; weder der Präsident noch seine Familie hätten sich je darauf eingelassen, sagte die stellvertretende Sprecherin Anna Kelly. Verfahren gibt es in Form von Briefen der demokratischen Minderheit: Raskin schrieb am 24. August 2026, Kushner habe auf den Brief vom April nicht geantwortet; Garcia setzte eine Frist bis zum 19. Oktober 2026.
Erdoğan: ein Minister, ein Rüstungsbetrieb, Stiftungen
Amt. Berat Albayrak, seit 2004 mit Esra Erdoğan verheiratet, war vom 24. November 2015 bis 10. Juli 2018 Energieminister und danach Finanzminister (Hazine ve Maliye Bakanı). Am 8. November 2020 erklärte er seinen Rücktritt; das Amtsblatt vom 10. November verzeichnet den Beschluss des Präsidenten: Annahme des Entlassungsgesuchs, Ernennung Lütfi Elvans. Seit 2017 ernennt und entlässt der Präsident Minister allein (Artikel 106); Voraussetzung ist nur die Wählbarkeit zum Abgeordneten. Selçuk Bayraktar und Bilal Erdoğan tragen kein Staatsamt.
Geschäft. Selçuk Bayraktar, seit 2016 mit Sümeyye Erdoğan verheiratet, ist Vorstandsvorsitzender und Technikchef von Baykar. Das Unternehmen meldete am 31. Januar 2026 für 2025 Exporte von 2,2 Milliarden Dollar bei 2,5 Milliarden Umsatz – 88 Prozent Export, Verträge mit 37 Ländern – und erklärt, seit 2003 alle Projekte aus eigenen Mitteln finanziert zu haben; die Zahlen stammen vom Unternehmen. Auf den Vorwurf der CHP-Vizevorsitzenden Pınar Uzun Okakın antwortete Haluk Bayraktar am 4. Januar 2024, Baykar habe „ne bir lira nakit ve hibe desteği“ erhalten und keinen Kredit genommen; eine Förderung von 600 Millionen Lira sei eine Steuervergünstigung, die jedem Investor offenstehe. Bilal Erdoğan, der Sohn, führt als Gründungsvorsitzender die World Ethnosport Union und sitzt im Hohen Beratungsrat der Jugendstiftung TÜGVA, zuletzt am 13. Januar 2026 neben Sportminister Osman Aşkın Bak. Unterlagen, die der Journalist Metin Cihan im Oktober 2021 veröffentlichte und die Namenslisten für Stellen bei Armee, Polizei und Justiz zeigen sollten, nannte TÜGVA-Vorsitzender Enes Eminoğlu gefälscht; angeklagt wurden im März 2022 der mutmaßliche Zuträger und der Journalist, TÜGVA gilt in der Anklage als Geschädigte, über die Echtheit hat kein Gericht entschieden.
Der jüngste Vorwurf betrifft einen Neffen. Özgür Özel, Vorsitzender der YENİ Parti, sagte am 6. Oktober 2026 vor seiner Fraktion, der Scooter-Verleih BinBin von Üsame Erdoğan, Sohn des Präsidentenbruders Mustafa Erdoğan, habe die Lydia Holding unter seinen Anteilseignern – laut Özel eine Firma aus der ersten Festnahmewelle der Fondsaffäre. Eine amtliche Mitteilung, die den Neffen nennt, liegt nicht vor; den Fall selbst beschreibt Was in der türkischen Fondskrise feststeht – und was nicht. Erdoğan warf der Opposition am 9. Oktober 2026 vor, Lügen und Verleumdung zu produzieren; am 12. Oktober kündigte er an, wer sich unrechtmäßig bereichert habe, werde den Preis dafür zahlen.
Kontrolle. Das Gesetz 3628 verpflichtet gewählte Amtsträger, Vizepräsidenten und Minister zur Vermögenserklärung, erneuert in Jahren mit Endziffer 0 und 5; erfasst sind sie selbst, Ehegatten und Kinder unter elterlicher Sorge – wie in den USA also weder erwachsene Söhne noch Schwiegersöhne. Anders als dort sind die Erklärungen geheim; Artikel 9 verbietet Auskunft und Veröffentlichung. Öffentlich wird nur die Erklärung, die der Präsident als Kandidat abgibt (Gesetz 6271, Artikel 14). Der Ethikrat für Beamte ist für Präsident, Abgeordnete und Minister nicht zuständig (Gesetz 5176, Artikel 1). Das Parlament kann Minister seit 2017 nicht mehr stürzen; ihm bleiben schriftliche Fragen, die binnen 15 Tagen zu beantworten sind (Artikel 98).
Parallelen und Unterschiede: festgestellt, bestritten, offen
Festgestellt sind drei Parallelen. In beiden Familien steht ein Schwiegersohn an der Nahtstelle – Kushner als Unterhändler ohne Anstellung, Albayrak als Minister mit Anstellung –, und beide Rechtsordnungen ließen das zu, die USA per Gutachten, die Türkei per Verfassung. In beiden Familien verdienen Angehörige ohne Amt in Branchen, die Staaten prägen: Baykar verkauft Kampfdrohnen an Regierungen, World Liberty beantragt eine Banklizenz, Affinity sammelt Geld von Staatsfonds. Und beide Regierungen bestreiten jeden Vorteil mit demselben Satz: Die Regeln sind eingehalten.
Festgestellt sind auch drei Unterschiede. Die Richtung des Geldes: Bei Trump fließt es von fremden Staaten zur Familie, bei Erdoğan verkauft die Familienfirma an den eigenen Staat und ins Ausland. Die Sichtbarkeit: Trumps Anteil an World Liberty steht mit Prozentsatz und Erlös in einem öffentlichen Formular, Albayraks Erklärung als Minister liegt nach Artikel 9 in seiner Akte. Die Kontrolle: In Washington schreiben Oppositionsabgeordnete Briefe mit Fristen, in Ankara stellen sie Fragen mit Antwortfrist.
Bestritten ist auf beiden Seiten der Kern: Babacan und die CHP sehen bei Baykar staatliche Begünstigung, Baykar nennt das Verleumdung; Raskin und Garcia sehen bei Kushner einen Interessenkonflikt, Kushner hat nach Medienberichten unzulässiges Verhalten zurückgewiesen. Offen bleibt, wer die 30 Prozent „Family Members“ bei DT Marks Defi sind, ob die OCC die Zulassung endgültig erteilt – und ob der Name Üsame Erdoğan je in einer Mitteilung der Istanbuler Staatsanwaltschaft auftaucht.
Woran sich der nächste Schritt zeigt
Die nächste Erneuerung der Erklärungen nach Gesetz 3628 ist 2030 fällig, Trumps nächste Jahresoffenlegung 2027. Bis dahin entscheidet sich die Frage in beiden Hauptstädten am selben Punkt: ob eine Stelle, die der Präsident nicht selbst besetzt hat, einen der Fälle aufgreift – in Washington ein Ausschuss mit Mehrheit, in Istanbul eine Staatsanwaltschaft mit Namen. In Washington steht die Zahl im Formular, in Ankara in der verschlossenen Akte. Lesen kann man sie nur in einer der beiden Städte.
