Mitte September 2026 konnten nach Medienberichten mehrere türkische Investmentfonds ihre Anleger nicht mehr auszahlen, die Istanbuler Börse verlor binnen einer Woche rund acht Prozent. Die SPK, die türkische Kapitalmarktbehörde, meldete am 17. September nur drei Sätze: Man beobachte die Entwicklung, habe eine Reihe von Maßnahmen beschlossen und werde sie in Kürze veröffentlichen. Was seither amtlich feststeht, was politisch bestritten wird und was offen bleibt, lässt sich am Tag des Schreibens, dem 14. Oktober 2026, sauber auseinanderhalten.
Was die Behörden festgestellt haben
Abwicklung heißt: Die Fonds nehmen keine Anteile mehr zurück, zwei Banken verkaufen das Vermögen und zahlen den Erlös anteilig an die Anleger aus; eine Garantie auf das eingezahlte Geld gibt es nicht. Nach den Beschlüssen der SPK vom 17. September 2026 übernimmt die İş Bankası die sechs Fonds von Tera, die staatliche Ziraat Bankası die 125 Fonds der übrigen sechs Gesellschaften. Die Frist von zunächst drei Monaten verlängerte die Behörde am 21. September auf höchstens sechs, damit die Banken die Wertpapiere nicht unter Zeitdruck verkaufen müssen. Am 23. September bezifferte die SPK die Zahl der Anleger nach den Registern der zentralen Verwahrstelle MKK auf 455.758. Das Fondsvermögen lag nach Angaben des Finanzministers Mehmet Şimşek, die nur über Medienberichte vorliegen, bei rund 890 Milliarden Lira – etwa ein Zehntel aller Fondsvermögen des Landes.
Die Vorgeschichte hat die SPK am 18. September selbst beschrieben: Ende 2025 fielen bei Fonds bestimmter Gesellschaften Kursbewegungen in Aktien mit niedrigem Streubesitz auf, die sich aus den Zahlen der Unternehmen nicht erklären ließen. Am 2. Dezember 2025 befasste sich der Finanzstabilitätsausschuss damit, am 28. August 2026 veröffentlichte die Behörde neue Fondsregeln. Dazwischen lagen fast neun Monate Anhörungen. Am 17. September kamen die Sperre, am selben Tag lockerte die Zentralbank ihre Liquiditätsregeln für die Banken.
Die Istanbuler Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Marktmanipulation. Justizminister Akın Gürlek sagte am 6. Oktober nach Medienberichten, im August 2026 seien zahlreiche Beschwerden von Bürgern eingegangen, die SPK habe daraufhin die Ermittlungserlaubnis erteilt; 85 Verdächtige seien in Untersuchungshaft. Präsident Recep Tayyip Erdoğan nannte am 12. Oktober nach der Kabinettssitzung den Stand: Verfahren gegen 282 Personen, darunter Vorstandsmitglieder der Fondsgesellschaften, 84 in Untersuchungshaft, 27 Haftbefehle, 99 Meldeauflagen. Unter den Inhaftierten ist nach Medienberichten seit dem 23. September Emre Tezmen, Vorstandsvorsitzender von Tera Yatırım. Für alle gilt die Unschuldsvermutung; eine Anklage liegt nicht vor.
Die SPK eröffnete am 1. Oktober beim Einlagensicherungsfonds TMSF für jeden der 131 Fonds ein Konto, auf das Anleger freiwillig Gewinne zurückzahlen können, die sie vor der Sperre durch Verkäufe zu überhöhten Kursen erzielt haben. Fünf Personen hätten das bereits getan, sagte Gürlek; die Verfahren gegen sie liefen weiter.
Politisch traf die Krise die Regierungspartei AKP. Fatma Betül Sayan Kaya, stellvertretende Parteivorsitzende für Außenbeziehungen und frühere Familienministerin, bat am 26. September um Entbindung von ihren Parteiämtern, nachdem der Sprecher der CHP ihr und ihrem Mann hohe Gewinne mit Aktien der Reederei Özata vorgehalten hatte; Erdoğan nahm das am 27. September an, am 6. Oktober trat sie aus der Partei aus. Nach Medienberichten wurden beide als Beschuldigte vernommen, bestreiten Insiderwissen und zahlten Gewinne auf das TMSF-Konto zurück. Ein Verfahren ist das, kein Urteil.
Was die Anleger bekommen sollen
Am 9. Oktober brachte die AKP-Fraktion den Entwurf 2/3939 ins Parlament; der Haushaltsausschuss berät ihn am 14. Oktober. Er gilt nur für die am 17. September gesperrten Fonds und schafft nach seinem ersten Artikel ausdrücklich kein allgemeines Abwicklungsrecht. Kern ist der Netto-Anlagebetrag. Netto-Anlagebetrag heißt: alles, was ein Anleger tatsächlich eingezahlt hat, abzüglich dessen, was er herausgezogen hat, beide Beträge bis zum Abwicklungstag mit dem Mittel aus Verbraucher- und Erzeugerpreisindex hochgerechnet; Buchgewinne zählen nicht. Bis zu diesem Betrag, höchstens aber eine Million Lira je Fonds, darf ein Vorschuss fließen. Reicht das Bargeld eines Fonds nicht für alle, beginnt die Auszahlung beim kleinsten Anleger. Der Vorschuss wird mit der Endabrechnung verrechnet; wer am Ende weniger Anspruch hat, bekommt entsprechend weniger. Gründer und Verwalter haften nach dem Entwurf persönlich für Werte, die dem Fonds ohne wirtschaftlichen Zweck entzogen wurden; der TMSF soll beschlagnahmtes Vermögen als Zwangsverwalter verwerten, der Erlös geht an die Fonds, nicht an die Staatskasse. Öffentliche Mittel sind ausgeschlossen – das steht im Entwurf und in Erdoğans Rede vom 12. Oktober.
Eine Million Lira entsprach am 13. Oktober 2026 nach dem Kurs der Zentralbank rund 18.100 Euro; nach dem Netto-Mindestlohn von 28.075,50 Lira sind es gut 35 Monatslöhne. Wer weniger eingezahlt hat, soll seinen Einsatz zurückbekommen; wer mehr eingezahlt hat, wartet mit dem Rest auf den Verkauf der Vermögenswerte.
Ein Teil läuft schon ohne Gesetz: Für die 17 Fonds von A1 Capital, Bulls und Pardus, die der ordentlichen Abwicklung zugestimmt haben, überwies die Ziraat Bankası am 8. Oktober die Erlöse an die Depotbanken von rund 43.600 Anlegern, sagte Vizepräsident Cevdet Yılmaz. Mit Atlas verhandele man. Für Tera, Pusula, Hedef und den Rest gilt das außerordentliche Verfahren des Entwurfs; Erdoğan sagte am 12. Oktober, die Vorschüsse sollten „ekim ayı içinde“ beginnen, sobald das Gesetz das Parlament passiert hat.
Was bestritten wird
Den schärfsten Vorwurf trägt Özgür Özel. Er führt seit Juli 2026 die CHP, mit 91 Abgeordneten die größte Oppositionsfraktion, nachdem ein Gericht im Mai seinen CHP-Vorsitz aufgehoben hatte. In der Fraktionssitzung vom 6. Oktober sagte er nach Medienberichten, von Erdoğan eingesetzte Personen stünden im Zentrum des Falls, und nannte den Scooter-Verleih BinBin, an dessen Mutterholding Üsame Erdoğan, ein Neffe des Präsidenten, beteiligt sei; die Aktie sei von 200 Lira im April 2026 auf 47 Lira gefallen. Eine Straftat warf er dem Neffen nicht vor, ein Verfahren gegen ihn ist nicht bekannt. Am 8. Oktober forderte Özel nach Medienberichten: Habe Erdoğan von den Vorgängen gewusst, müsse er zurücktreten; habe er nichts gewusst, müsse er Neuwahlen ansetzen. Abgeordnete der Opposition behaupten zudem, Anleger seien vor der Sperre gewarnt worden; die Staatsanwaltschaft prüft nach Medienberichten Abflüsse von 401,3 Milliarden Lira durch 440 Großanleger zwischen dem 1. und 16. September. Abflüsse sind kein Beleg für eine Warnung.
Die Regierung hält dagegen. Erdoğan sagte am 28. September, das Problem sei „fon piyasasının sınırlı bir bölümünde“ entstanden, ein auf das Finanzsystem übergreifendes Risiko gebe es nicht; am 12. Oktober warf er Teilen der Opposition vor, Beschuldigte allein wegen ihrer Parteizugehörigkeit zu schützen, und sprach von Rufmord. Handelsminister Ömer Bolat und Familienministerin Mahinur Özdemir Göktaş, die ein CHP-Abgeordneter mit Fondskonten in Verbindung brachte, wiesen das nach Medienberichten zurück und stellten Strafanzeige. Die AKP verklagte am 13. Oktober zwei Journalisten, einen Sender und den CHP-Sprecher auf 1,6 Millionen Lira. Die SPK wies am 6. Oktober einen Zeitungsbericht zurück, die Börse habe sie 130-mal vergeblich gewarnt. Am 8. Oktober lehnten AKP und MHP im Plenum fünf Anträge auf einen Untersuchungsausschuss ab. Zwei Journalisten sitzen nach Medienberichten seit dem 9. Oktober in Untersuchungshaft, der Vorwurf lautet Verbreitung irreführender Informationen im Zusammenhang mit dem Fall; das Komitee zum Schutz von Journalisten sieht die Lage an einem kritischen Punkt.
Außerhalb des Landes schaut MSCI zu. Der Indexanbieter schrieb am 23. Juni 2026, internationale Anleger meldeten wiederholt mögliche abgestimmte Käufe über Fonds in kleinen börsennotierten Firmen, die den Streubesitz künstlich aufblähten. Bleibe bis zur Indexprüfung im November 2026 ein glaubwürdiger Fortschritt aus, könne MSCI eine Konsultation über die Behandlung der Türkei und ihrer Aktien in den Indizes eröffnen. Was am Ende einer solchen Konsultation stünde, lässt MSCI offen.
Woran man den Ausgang erkennt
Die Größe des Schadens steht erst fest, wenn die Banken die Aktien verkauft haben, die die Fonds hielten, und zwar zu Kursen, die der Markt dann bezahlt, nicht zu denen, die vor dem 17. September in den Büchern standen. Drei Termine zeigen die Richtung: Passiert der Entwurf 2/3939 im Oktober das Plenum, fließen die Vorschüsse noch im Monat; spätestens Mitte März 2027, sechs Monate nach der Bekanntmachung vom 17. September, endet die Abwicklungsfrist; im November entscheidet MSCI, ob aus der Warnung eine Konsultation wird. Die Zahl, an der sich alles messen lässt, hat die Regierung selbst gesetzt: 455.758 Anleger, kein öffentliches Geld.
