Am 21. Oktober 2025 gab das Parlament in Ankara dem Präsidenten für drei Jahre freie Hand, Soldaten nach Syrien und in den Irak zu schicken: Grenze, Umfang, Zahl und Zeitpunkt bestimmt er allein, so steht es im Beschluss Nr. 1474. Fünf Tage später meldete die PKK den Abzug ihrer Kämpfer aus der Türkei.

Meine These: Die Türkei braucht ihre Armee, aber nicht dieses Engagement in dieser Form. Den größten Sicherheitsgewinn seit Jahrzehnten hat sie nicht mit Soldaten im Ausland erzielt, sondern mit einem Gesprächsangebot und einem Gesetz. Und sie bezahlt weiter, als stünde der nächste Krieg bevor. Mein Maßstab: Ein Einsatz lohnt sich, wenn er die Menschen in der Türkei sicherer macht, zu einem Preis, den sie tragen können, und wenn kein billigerer Weg dasselbe erreicht. Zwei Zugeständnisse vorweg. Was ein Einsatz verhindert hat, kann niemand zählen. Und der Oktober 2026 ist nicht der Frieden, sondern der Weg dorthin.

Wo türkische Soldaten stehen und auf welcher Grundlage, steht im Schwesterstück, Wo die Türkei ihr Militär einsetzt – von Nordsyrien bis Somalia. Hier geht es um die Rechnung.

Was der Frieden gebracht hat – und was die Gegenseite dagegenhält

Der Kampf der PKK gegen den türkischen Staat kostete nach Medienberichten in vier Jahrzehnten mindestens 40.000 Menschen das Leben. Im Februar 2025 rief der inhaftierte PKK-Anführer Abdullah Öcalan zur Auflösung auf, im Mai 2025 beschloss die PKK sie, am 26. Oktober meldete sie den Abzug aus der Türkei. Am 10. August 2026 beschloss das Parlament mit 467 Stimmen das Gesetz, das Verfahren und Strafen früherer Mitglieder aussetzt, wenn sie fünf oder zehn Jahre keine neue Tat begehen. Das war kein Nebenprodukt der Armee. Es war Politik: Gespräche, ein Ausschuss im Parlament, ein Gesetz.

Auch in Syrien liegt der Gewinn nicht an der Front. Die EU-Kommission hielt im November 2025 fest, die Türkei habe ihren Einfluss auf das Land nach dem Sturz Assads erheblich vergrößert. Seit dem 8. Dezember 2024 sind nach Schätzung des UN-Flüchtlingshilfswerks 649.335 Syrer aus der Türkei zurückgekehrt, Stand 28. Mai 2026. Die Rüstungsindustrie verkaufte 2025 Waren für 10,0 Milliarden Dollar ins Ausland, 49 Prozent mehr als 2024, gut jeder 24. Exportdollar; 2023 zählte der Branchenverband rund 91.000 Beschäftigte.

Die stärkste Fassung der Gegenposition steht im Beschluss vom Oktober 2025 selbst, und sie ist nicht schwach. Im Irak, heißt es dort, hielten sich PKK und Islamischer Staat; in Syrien lehne die YPG die Eingliederung in den Staat ab; an der Südgrenze sei dauerhafte Stabilität nicht erreicht. Dazu kommt: Im Oktober 2024 tötete ein Angriff der PKK auf Beschäftigte des Flugzeugbauers TUSAŞ Menschen in Ankara, ein Jahr vor der Abstimmung. Im März 2026 fingen NATO-Systeme nach Angaben Ankaras dreimal Raketen aus Iran ab, die auf die Türkei zuflogen. Wer so wohnt, rüstet nicht ab, bevor der Nachbar es tut. Und wer der Türkei Aufrüstung vorhält, muss die Zahl je Kopf lesen: 319 Dollar für Kernverteidigung 2026, in Preisen von 2021, ein Drittel des Werts der europäischen Verbündeten, gut ein Fünftel des deutschen; Griechenland gibt 2026 3,65 Prozent seiner Wirtschaftsleistung aus, die Türkei 2,85. Die EU-Kommission räumt der Regierung das Recht und die Pflicht ein, Terror zu bekämpfen, und verlangt dabei Rechtsstaat und Grundrechte. Und dass die PKK aufgab, lässt sich auch als Folge des Drucks lesen. Diese Lesart kann ich nicht widerlegen.

Das trifft. Es trifft die Frage, ob die Türkei eine Armee dieser Größe braucht, und die beantworte ich mit Ja. Es trifft nicht die Frage auf dem Tisch: ob ein Parlament drei Jahre lang auf seine Zustimmung verzichten soll, während die Regierung selbst sagt, die Bedrohung werde gerade abgewickelt. Die Begründung vom Oktober 2025 hielt in einem Punkt drei Monate: Im Januar 2026 einigten sich die kurdisch geführten SDF mit Damaskus auf die Eingliederung. Verteidigungsminister Yaşar Güler sagte im Februar 2026, ein Abzug stehe nicht auf der Tagesordnung. CHP und DEM hatten im Oktober 2025 nach Medienberichten gegen die Vollmacht gestimmt. Der Präsidentenberater Mehmet Uçum kündigte im September nach Medienberichten die amtliche Bestätigung der Auflösung bis Jahresende an. Am 30. September nannte der Nationale Sicherheitsrat die PKK weiter an erster Stelle der Bedrohungen. Gut darin, den Frieden auszuhandeln. Schwächer darin, ihn in die eigene Rechnung zu übernehmen.

Was die Rechnung kostet – und was billiger wäre

Nach NATO-Zählung, die Militärrenten und Forschung einschließt, gab die Türkei 2025 rund 1,47 Billionen Lira für Kernverteidigung aus, etwa so viel, wie das Bildungsministerium im selben Jahr bekam (1,44 Billionen; die Zählweisen unterscheiden sich, der Vergleich ist grob). 2024 lag der Anteil an der Wirtschaftsleistung bei 2,08 Prozent, 2025 bei 2,33, 2026 bei 2,85 – real ein Viertel mehr als im Vorjahr, nach einem Sprung um 48 Prozent 2024. In Den Haag hat die Türkei 2025 mit allen Verbündeten 3,5 Prozent bis 2035 zugesagt. Das Friedensforschungsinstitut SIPRI zählt enger, 30,0 Milliarden Dollar für 2025, und führt den Anstieg auf die Einsätze in Irak, Somalia und Syrien zurück, vor allem aber auf den Aufbau der eigenen Rüstungsindustrie, deren Fonds 22 Prozent der Ausgaben erhielt.

Wer zahlt? Jeder Mann, mit sechs Monaten Wehrdienst nach dem Gesetz Nr. 7179. Wer sich freikauft, zahlt seit April 2026 mindestens 416.361 Lira – Kennziffer 300.000 mal Beamtenkoeffizient des ersten Halbjahrs; der Koeffizient wird halbjährlich neu festgesetzt –, knapp 15 Netto-Mindestlöhne von 28.075 Lira. Die Kennziffer lag bis zum 2. April 2026 bei 240.000; alles darüber fließt seither in den Fonds für die Rüstungsindustrie, gut 83.000 Lira je Freikauf.

Was wäre billiger? Erstens ein Mandat, das ein Jahr gilt statt drei: 2023 gab das Parlament zwei Jahre, 2025 drei. Jede Verlängerung ist eine Abstimmung, in der die Regierung die Bedrohung neu begründen muss. Das kostet keine Lira und sichert, woran sich Demokratie hier messen lässt: die Kontrolle des Parlaments über den Einsatz. Zweitens die Versicherung, die schon läuft: Die Raketen aus Iran fing die NATO ab, und sie verlegte ein Patriot-System nach Malatya. Drittens Gespräche, der Weg, der bei der PKK wirkte. Mit Griechenland unterzeichnete Präsident Recep Tayyip Erdoğan im Februar 2026 sieben Vereinbarungen, keine über Seegrenzen.

Mein Urteil nach dem genannten Maßstab: Sicherer gemacht hat die Menschen in der Türkei seit 2024 vor allem der Prozess mit der PKK. Bezahlbar ist die Armee, 319 Dollar je Kopf sind kein Luxus. Nicht bezahlbar ist der Automatismus: ein Mandat ohne Grenze, Umfang, Zahl und Zeit bis zum 30. Oktober 2028 und ein Ausgabenpfad auf 3,5 Prozent, beschlossen in dem Jahr, in dem Ankara seinen längsten Konflikt beendet. Widerlegt wäre das, wenn der Sicherheitsrat die Auflösung bis Jahresende nicht bestätigt und die PKK zu den Waffen zurückkehrt. Dann hatte das Parlament recht, und ich nicht.

Das Parlament hat bis Oktober 2028 entschieden. Der Sicherheitsrat hat, nach Uçums Wort, bis Dezember Zeit. Die PKK hat nach eigenen Angaben Metina geräumt. Die billigste Sicherheitsmaßnahme der Türkei steht noch aus: ein Satz im Amtsblatt.