Am 8. Oktober 2026 räumte die PKK nach eigenen Angaben vier Stellungen in Metina, einem Gebiet im Nordirak nahe der türkischen Grenze. Vier Tage später bestätigten türkische Sicherheitskreise den Abzug. Es ist der jüngste Schritt in einem Prozess, an dem die Einsätze in Syrien und im Irak hängen. Denn Ankara begründet sie mit der Bedrohung durch die PKK, durch Gruppen, die es ihr zurechnet, und durch den Islamischen Staat.
Wo türkische Soldaten stehen – und auf welcher Grundlage
Für einen Einsatz im Ausland braucht die Regierung nach Artikel 92 der Verfassung die Erlaubnis des Parlaments, außer wenn Verträge der Türkei ihn verlangen. Der Antrag dafür heißt auf Türkisch „tezkere". Das Parlament erteilt die Vollmacht befristet und verlängert sie regelmäßig.
| Gebiet | Seit | Grundlage | Stand Oktober 2026 |
|---|---|---|---|
| Nordsyrien | August 2016 | Parlamentsmandat | gilt bis 30. Oktober 2028; Abzug laut Regierung kein Thema |
| Nordirak | 1990er Jahre | dasselbe Mandat | gilt bis 30. Oktober 2028; PKK räumt Stellungen |
| Libyen | Januar 2020 | Parlamentsmandat | gilt bis Januar 2028 |
| Somalia | 2017, Ausbildungslager in Mogadischu | Abkommen vom Februar 2024, Parlamentsmandat | gilt bis Juli 2028, auch in Somalias Seegebieten |
| Katar | 2015 | Abkommen von 2014 | Stützpunkt besteht |
| Nordzypern | Juli 1974 | Garantievertrag von 1960, nach Lesart Ankaras | eigenes Truppenkommando mit Sitz in Girne |
| Kosovo | – | NATO-Einsatz KFOR | ein türkischer General führt KFOR seit 3. Oktober 2025 |
Mit Aserbaidschan verbindet die Türkei die Erklärung von Schuscha vom 15. Juni 2021. Darin sagen sich beide Staaten Beistand zu, wenn ein Drittstaat die Unabhängigkeit oder die Grenzen eines der beiden bedroht, und wollen dann ihre Streitkräfte abstimmen. Somalia hat Ankara im Abkommen von 2024 die Unterstützung beim Schutz seiner Seegebiete und beim Aufbau seiner Marine übertragen. Beides sind sicherheitspolitische Bindungen außerhalb der NATO.
Syrien, Irak und die PKK: Stand im Oktober 2026
Die PKK steht seit 2002 auf der Terrorliste der EU und gilt auch in Deutschland als terroristische Vereinigung. Ihr Kampf gegen den türkischen Staat dauerte rund vier Jahrzehnte und kostete nach Medienberichten mindestens 40.000 Menschen das Leben. Am 27. Februar 2025 forderte der inhaftierte PKK-Anführer Abdullah Öcalan die Auflösung. Im Mai 2025 beschloss die PKK, sich aufzulösen und den bewaffneten Kampf zu beenden. Am 11. Juli 2025 verbrannten 30 Kämpfer bei Sulaimaniya im Nordirak ihre Waffen. Am 26. Oktober 2025 meldete die PKK, sie habe alle Kämpfer aus der Türkei abgezogen.
Am 10. August 2026 beschloss das Parlament das Gesetz Nr. 7595 zur Stärkung der nationalen Solidarität und der gesellschaftlichen Integration. Es setzt Verfahren und Strafen gegen frühere Mitglieder für fünf oder zehn Jahre aus. Wer in dieser Zeit keine neue Terrortat begeht, dessen Verfahren endet oder dessen Strafe gilt als verbüßt. Ausgenommen sind vorsätzliche Tötungen und Taten vor Juni 2005, auf die lebenslange Haft steht, nach Medienberichten auch der Fall Öcalan. Wirksam wird das Gesetz erst, wenn die Sicherheitsbehörden Auflösung und Waffenabgabe feststellen und der Nationale Sicherheitsrat (MGK) unter Vorsitz von Präsident Recep Tayyip Erdoğan das bestätigt. Die Erklärung zur MGK-Sitzung vom 30. September 2026 enthält keine solche Bestätigung. Erdoğans Berater Mehmet Uçum kündigte sie im September 2026 für spätestens Ende des Jahres an. Die PKK verlangt mehr, unter anderem Öcalans Freilassung; dazu hat sich die Regierung nicht verpflichtet.
In Syrien regiert seit dem Sturz Baschar al-Assads im Dezember 2024 eine neue Führung unter Präsident Ahmed al-Scharaa; Ankara unterstützt sie. Die syrisch-kurdische Miliz YPG rechnet Ankara der PKK zu; der Sicherheitsrat schreibt in seinen Erklärungen „PKK/KCK-PYD/YPG". Die kurdisch geführten SDF einigten sich nach Kämpfen mit der Regierungsarmee im Januar 2026 auf ihre Eingliederung in den Staat. Am 25. August 2026 erklärte SDF-Kommandeur Mazloum Abdi die Eingliederung für abgeschlossen; die SDF müssten sich auflösen. Ein Abzug folgt daraus nicht. Verteidigungsminister Yaşar Güler sagte im Februar 2026, ein Rückzug stehe nicht auf der Tagesordnung, darüber entscheide allein die Türkei. Nach Medienberichten erklärte Ankara im August 2026, die Truppen blieben, bis die Bedrohungen beseitigt seien.
Griechenland, Schwarzes Meer, Israel und Iran
Mit Griechenland streitet die Türkei über Seegrenzen und Festlandsockel in der Ägäis und im östlichen Mittelmeer. Am 11. Februar 2026 unterzeichneten Erdoğan und der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis sieben Vereinbarungen, von Kultur und Investitionen bis zu Erdbebenvorsorge und einer Fähre Thessaloniki–Izmir. Seegrenzen regelt keine davon. Am 16. August 2026 erschienen im Amtsblatt zwei Präsidialbeschlüsse über Meeresnationalparks; der größere umfasst 21.706 Quadratkilometer und reicht in die Gewässer um die griechische Insel Kastelorizo. Das griechische Außenministerium erklärte noch am selben Tag, außerhalb türkischer Zuständigkeit hätten sie keine Rechtswirkung. Die Türkei ist dem UN-Seerechtsübereinkommen nicht beigetreten.
Am Schwarzen Meer wacht die Türkei nach dem Vertrag von Montreux von 1936 über die Durchfahrt durch Bosporus und Dardanellen. Seit Februar 2022 lässt sie Kriegsschiffe der Kriegsparteien Russland und Ukraine nur noch zur Rückkehr in ihren Heimathafen passieren. In Istanbul wurde im Juli 2022 das Getreideabkommen für ukrainische Häfen geschlossen; es lief am 17. Juli 2023 aus.
Gegenüber Israel hat Ankara rechtliche und wirtschaftliche Schritte unternommen. Die Türkei trat am 7. August 2024 der Klage Südafrikas gegen Israel nach der Völkermordkonvention vor dem Internationalen Gerichtshof bei. Ihre Exporte nach Israel fielen laut Exporteursverband TİM von 5,1 Milliarden Dollar 2023 auf rund 19.000 Dollar 2025. Am 13. Oktober 2025 unterzeichnete Erdoğan mit den Präsidenten der USA und Ägyptens und dem Emir von Katar eine Erklärung, die das Ende des Gaza-Kriegs stützen soll. Der MGK warf Israel am 30. September 2026 vor, seine Zusagen für Gaza und Libanon nicht einzuhalten und Syriens Souveränität zu verletzen.
Im Krieg der USA und Israels gegen Iran ist die Türkei keine Kriegspartei, doch der Krieg erreichte ihren Luftraum. Am 4., 9. und 13. März 2026 fingen NATO-Abwehrsysteme im östlichen Mittelmeer nach Angaben des türkischen Verteidigungsministeriums ballistische Raketen aus Iran ab, die auf die Türkei zuflogen. Iran bestritt, die Türkei gezielt anzugreifen. Die NATO verlegte ein US-Patriot-System nach Malatya, zum Schutz des Frühwarnradars Kürecik. Der MGK rief am 30. September 2026 die Kriegsparteien zurück an den Verhandlungstisch.
Was die Armee kostet und woher die Waffen kommen
Die Türkei ist seit 1952 NATO-Mitglied und war am 7. und 8. Juli 2026 Gastgeberin des Gipfels in Ankara. Nach NATO-Schätzung hat sie 2026 rund 395.800 Soldaten, gut doppelt so viele wie Deutschland. Kernverteidigung heißt bei der NATO: staatliche Ausgaben, die den Streitkräften dienen, samt Forschung und Militärrenten, ohne Zivilschutz. Der Schutz von Infrastruktur und Netzen zählt zu einer eigenen Quote. Für Kernverteidigung gibt die Türkei 2026 laut NATO 2,85 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung aus, nach 2,08 Prozent 2024. Zugesagt haben die Verbündeten 2025 in Den Haag 3,5 Prozent bis 2035. Je Einwohner sind es 319 Dollar in Preisen von 2021, ein Drittel des Werts der europäischen Verbündeten und Kanadas. Das Friedensforschungsinstitut SIPRI zählt anders: Es kommt für 2025 auf 30,0 Milliarden Dollar und 1,9 Prozent, die NATO schätzt 37,3 Milliarden.
Laut SIPRI flossen 2025 22 Prozent dieser Ausgaben in den Fonds zur Förderung der eigenen Rüstungsindustrie. Die Branche, zu der der Elektronikkonzern Aselsan, der Flugzeugbauer TUSAŞ und der Drohnenhersteller Baykar gehören, führte 2025 laut TİM Waren für 10,0 Milliarden Dollar aus, nach 6,7 Milliarden 2024. Das ist gut jeder 24. Exportdollar des Landes. Das Kampfflugzeug KAAN von TUSAŞ flog am 21. Februar 2024 zum ersten Mal.
Der Streit mit Washington um Kampfflugzeuge begann 2019. Russland lieferte ab dem 12. Juli 2019 das Raketenabwehrsystem S-400; am 17. Juli schlossen die USA die Türkei aus dem Programm für das Kampfflugzeug F-35 aus, im Dezember 2020 folgten US-Sanktionen. Im Januar 2024 gaben die USA 40 neue F-16 frei. Am 27. Oktober 2025 vereinbarte Ankara mit Großbritannien den Kauf von 20 neuen Eurofightern, die ab 2030 kommen sollen.
Die nächsten Prüfsteine haben Termine. Erscheint die Bestätigung des Sicherheitsrats im Amtsblatt, haben Betroffene sechs Monate Zeit, die Aussetzung ihrer Verfahren zu beantragen. Das Mandat für Libyen läuft im Januar 2028 aus, das für Somalia im Juli 2028, das für Syrien und den Irak am 30. Oktober 2028. Über Syrien und den Irak entscheidet das Parlament damit spätestens im Oktober 2028 zum ersten Mal, seit die SDF-Führung die Auflösung ihrer Truppe angekündigt hat. Woran Ankara dann misst, ob die Bedrohung fortbesteht, wird in der Begründung des Antrags stehen.
