Ein Euro brachte am 13. Oktober 2026 55,11 Lira, 69 Prozent mehr als am 29. Dezember 2023. Die Preise in der Türkei stiegen von Dezember 2023 bis September 2026 um rund 135 Prozent. Wer Euro tauscht, für den Urlaub oder die Familie, bekommt also mehr Scheine als vor knapp drei Jahren und kauft dafür weniger. Für Anleger steckt darin die eigentliche Frage: Bringt Geld in Lira mehr, als die Lira gegenüber dem Euro verliert?

Was die Lira-Zinsen bringen: amtlich gerechnet und nach ENAG

Der Leitzins, zu dem die Zentralbank den Banken für eine Woche Geld leiht, steht seit dem 22. Januar 2026 bei 37 Prozent, zuletzt bestätigt am 10. September. Was eine Bank Sparern zahlt, ist ein eigener Satz.

Realzins heißt: Zins minus Teuerung. Er sagt, wie viel Kaufkraft ein Guthaben im Jahr gewinnt oder verliert. Das Statistikamt TÜİK meldete für September 2026 eine Teuerung von 29,73 Prozent; gegen den Leitzins bleibt ein Realzins von 7,3 Punkten. Die Forschergruppe ENAG, ein Zusammenschluss unabhängiger Wissenschaftler, kommt nach Medienberichten auf 46,61 Prozent. Nach ihrer Zahl läge der Realzins bei minus 9,6 Punkten.

Für Anleger zählt die Teuerung, die noch kommt. In der Umfrage der Zentralbank vom August erwarteten Marktteilnehmer für die nächsten zwölf Monate 23,7 Prozent, Haushalte 45,6 Prozent. Wie hoch der Realzins ausfällt, entscheidet sich daran, wessen Erwartung eintrifft.

Ein Euro-Anleger rechnet zusätzlich mit dem Kurs. In den zwölf Monaten bis zum 13. Oktober 2026 wurde der Euro 14 Prozent teurer. Eine Anlage in Lira musste in dieser Zeit also mehr als 14 Prozent bringen, vor Steuern und Gebühren, damit beim Rücktausch kein Euro fehlte.

Die Lira verlor seit Ende 2023 nominal 42 Prozent und gewann real 26 Prozent

Seit Mitte 2023 laufen die Linien auseinander. Die rote zeigt den Wert der Lira gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner, die graue denselben Wert bereinigt um die Preisunterschiede. Von Dezember 2023 bis August 2026 fiel die rote von 25,2 auf 14,7 Punkte, die graue stieg von 85,9 auf 108,1. Die Lira verlor langsamer, als die Preise stiegen: Waren und Dienste aus der Türkei wurden für das Ausland teurer. Für Euro-Anleger in Lira war das der Ertrag der vergangenen drei Jahre, für Exporteure und Hotels ein Preisnachteil.

Die graue Linie kennt aber Stürze. Von Juli auf August 2018 verlor sie 17 Prozent, von Oktober bis Dezember 2021 20 Prozent, von Mai bis Juli 2023, nach den Wahlen, 16 Prozent. Jeder dieser Einbrüche war größer als das, was der heutige amtliche Realzins in zwei Jahren bringt.

Wie gut die Türkei gepolstert ist: Reserven, Schulden, Exporte

Gegen solche Stürze hält die Zentralbank Reserven: Devisen und Gold, mit denen sie Lira aufkaufen kann.

Die Bruttoreserven stiegen von 94 Milliarden Dollar Ende 2020 auf den Höchststand von 186 Milliarden Ende 2025

Ende 2025 lagen die Reserven brutto bei 186 Milliarden Dollar, so hoch wie nie seit Beginn der Reihe. Brutto heißt: Auch geliehene Devisen zählen mit. Nach Beginn des Kriegs zwischen Israel, den USA und dem Iran Ende Februar 2026 sanken sie allein im März nach Zahlen der Zentralbank um 43,4 Milliarden Dollar, Ausländer zogen 11,4 Milliarden aus türkischen Wertpapieren ab. Am 2. Oktober waren es nach Medienberichten brutto 167,4 Milliarden; ohne Verbindlichkeiten und Devisen aus Tauschgeschäften (Swaps) blieben 37,9 Milliarden.

Die Leistungsbilanz erfasst alle Zahlungen eines Landes mit dem Ausland. In den zwölf Monaten bis August 2026 zahlte die Türkei 42,1 Milliarden Dollar mehr ins Ausland, als sie einnahm. Die Energie-Einfuhren kosten 2026 nach Erwartung der Regierung 71 Milliarden Dollar. Die Lücke deckt Geld aus dem Ausland, und es fließt: Banken nahmen bis Juni in zwölf Monaten 151 Prozent ihrer fälligen langfristigen Auslandskredite neu auf, Unternehmen 231 Prozent. Bleibt es aus, zahlt die Zentralbank aus den Reserven. Ohne Swaps reichten sie am 2. Oktober nicht für ein Jahresdefizit.

Die Staatsschulden sanken von 75,6 Prozent der Wirtschaftsleistung 2001 auf 23,5 Prozent 2025

Der Staat selbst ist wenig verschuldet. Die Schulden des Gesamtstaats, also mit Sozialversicherung und Kommunen, fielen von 75,6 Prozent der Wirtschaftsleistung 2001 auf 23,5 Prozent 2025. Der Haushalt der Zentralregierung schloss 2025 mit einem Defizit von 2,9 Prozent der Wirtschaftsleistung, für 2026 erwartet die Regierung 3,1 Prozent. Ein Haken steckt in der Währung: 39,9 Prozent der Schulden der Zentralregierung waren im Juni 2026 Auslandsschulden. In Dollar blieben sie im ersten Halbjahr fast gleich bei 128,2 Milliarden, in Lira gerechnet stiegen sie um 469 Milliarden.

Für das Land sprechen Zahlen, die sich langsamer ändern als Kurse. Die Wirtschaft wuchs 2025 um 3,7 Prozent und im zweiten Quartal 2026 um 2,3 Prozent zum Vorjahr. 42,7 Prozent der Warenexporte gingen 2025 in die EU, mit der die Türkei seit Ende 1995 eine Zollunion bildet. Nach Daten der Weltbank sind 68,4 Prozent der Einwohner zwischen 15 und 64 Jahre alt, in Deutschland 62,4 Prozent; 65 oder älter sind 10,6 Prozent, in Deutschland 23,7 Prozent.

Was Ratings, Gesetze, Erdbeben und Justiz bedeuten

Nach Medienberichten bestätigte S&P am 17. April 2026 die Note BB-, Fitch am 17. Juli ebenfalls BB-; Moody's beließ es im Juli bei Ba3, alle mit stabilem Ausblick. Das liegt drei Stufen unter der untersten Note für Anlagequalität. Fitch nennt als Stärken die niedrigen Staatsschulden und robuste Banken, als Schwächen die Geschichte sehr hoher Inflation, knappe Devisen gemessen am Bedarf und frühere politische Eingriffe in die Geldpolitik.

Das Gesetz über Direktinvestitionen von 2003 stellt ausländische Investoren den inländischen gleich. Gewinne, Dividenden und Verkaufserlöse dürfen über Banken frei ins Ausland.

Für Wohnungen kommt das Erdbebenrisiko hinzu. Die Beben vom 6. und 20. Februar 2023 töteten 53.697 Menschen; 632.667 Wohnungen waren zerstört, abrissreif oder schwer bis mittel beschädigt. Am 23. April 2025 bebte die Erde mit der Stärke 6,2 im Marmarameer, 23 Kilometer vor Silivri am Westrand Istanbuls. Für Wohngebäude ist eine Erdbebenversicherung Pflicht, ohne sie trägt das Grundbuchamt keinen neuen Eigentümer ein. Sie zahlt höchstens eine jährlich festgelegte Summe.

Hinzu kommt die Justiz. Der Bürgermeister Istanbuls, Ekrem İmamoğlu, ist seit seiner Festnahme am 19. März 2025 in Haft; seit dem 9. März 2026 läuft der Prozess gegen insgesamt mehr als 400 Angeklagte. Die Anklage wirft ihm unter anderem Bestechung und Geldwäsche vor; es gilt die Unschuldsvermutung. Die EU-Kommission schrieb im November 2025, die Festnahmen hätten die Zweifel an der Unabhängigkeit der Justiz vertieft, und auf die wirtschaftlichen Folgen der politischen Unruhe hätten die Behörden mit strafferer Politik reagiert. Am 17. April 2025 hob die Zentralbank den Leitzins von 42,5 auf 46 Prozent.

Drei Szenarien bis Ende 2027 und die Grenzen der Zahlen

Erstens, das Programm der Regierung trifft: Die Teuerung fällt bis Ende 2027 auf 21 Prozent und bis 2029 auf 9 Prozent, bei einem Ölpreis von 76 Dollar je Fass im Jahr 2027. Bliebe der Leitzins bei 37 Prozent, läge der Realzins dann bei 16 Punkten, und die Zentralbank hätte Raum, ihn zu senken. Das Programm vom September 2024 versprach für Ende 2025 eine Teuerung von 17,5 Prozent; gemessen wurden 30,9.

Zweitens, die Teuerung sinkt langsamer. Fitch erwartet für Ende 2027 23,5 Prozent und 60 Lira je Dollar, vor der Präsidentenwahl Ende 2027 oder Anfang 2028 eine Lockerung mit kleinerem, aber positivem Realzins. Der Dollar würde dann gut ein Fünftel teurer; eine Lira-Anlage müsste mehr bringen.

Drittens, ein Schock: teurere Energie, ein politisches Ereignis, Abflüsse wie im März 2026. Dann zählen die 37,9 Milliarden Dollar ohne Swaps und die Erfahrung von 2018, 2021 und 2023.

Was die Zahlen nicht sagen: wie sich einzelne Anlagen entwickeln, Aktien, Anleihen, Bankeinlagen oder Wohnungen in einer bestimmten Stadt. Sie sagen nichts über die Steuer im Einzelfall und nichts über den richtigen Zeitpunkt. Sie beschreiben ein Land im Durchschnitt.

S&P prüft seine Note am 16. Oktober, die Zentralbank entscheidet am 22. Oktober über den Zins und legt am 12. November ihren Inflationsbericht vor. Damit die Teuerung Ende 2026 bei den 28,4 Prozent des Regierungsprogramms landet, dürfen die Preise von Oktober bis Dezember zusammen um höchstens 3,3 Prozent steigen. Allein im September waren es 1,84.