Zehn Prozent. So viel vom CO₂-Ausstoß des Jahres 2021 dürften neue Pkw im Schnitt ab 2035 noch verursachen, wenn die Einigung hält. Nach geltendem EU-Recht sind es null. Die Verständigung kommt von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Am Freitag, dem 16. Oktober 2026, gaben beide Regierungen sie bekannt.
Was sich für neue Autos ab 2035 ändern soll
Nach geltendem EU-Recht müssen die durchschnittlichen CO₂-Emissionen neu zugelassener Pkw ab 2035 gegenüber 2021 um 100 Prozent sinken. Neue Benzin- und Dieselfahrzeuge wären damit weitgehend ausgeschlossen. Die EU-Kommission schlug im Dezember 2025 vor, das Ziel auf 90 Prozent zu senken. Die übrigen zehn Prozent sollten Hersteller durch klimafreundliche Kraftstoffe oder CO₂-armen Stahl ausgleichen.
Der deutsch-französische Vorschlag geht einen Schritt weiter: 90 Prozent, ohne diesen Ausgleich. In der gemeinsamen Mitteilung heißt es, man strebe „eine deutliche Senkung der CO₂-Emissionen“ an und stärke zugleich Europas Kapazitäten für die nächste Generation von Elektrofahrzeugen. Die Regierungen sprechen von einem „ehrgeizigen europäischen Dekarbonisierungspfad mit der nötigen regulatorischen Flexibilität“.
Wie der Flottendurchschnitt funktioniert
Die Grenzwerte gelten nicht für jedes einzelne Auto, sondern für den Durchschnitt der Neuwagenflotte eines Herstellers. Darin liegt der Hebel. Ein Konzern darf auch nach 2035 Benziner und Diesel verkaufen, solange sein Durchschnitt unter dem Grenzwert bleibt. Hybride zählen dazu. Weil der Grenzwert auf den Durchschnitt zielt, lässt sich ein Verbrenner mit mehr Elektroautos im Angebot ausgleichen.
Aus dem Verbot wird so eine Rechengröße. Ob ein Hersteller nach 2035 Verbrenner verkauft, hängt davon ab, wie er seinen Mix zusammensetzt, nicht davon, ob es den Verbrenner noch gibt.
Was Standorte und Beschäftigte davon haben sollen
Die stärkste Fassung des Befürworterarguments kommt aus dem Regierungslager selbst. Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit Carsten Schneider (SPD) sagt, die Hersteller bekämen „etwas mehr Spielraum bei den CO₂-Werten“, um in Elektromobilität und in europäische Standorte zu investieren. Stellvertreter des Bundeskanzlers und Bundesminister der Finanzen Lars Klingbeil (SPD) spricht von „richtigen Entscheidungen“ für die Beschäftigten und die Standorte. Die SPD habe erreicht, dass wichtige Komponenten in Deutschland und Europa entwickelt und produziert werden.
Niedersachsens Ministerpräsident nennt die Einigung ein starkes Signal. Sein Land hält ein Fünftel an Volkswagen.
Der Bundesminister, der Elektroautos „in jedem Fall“ vorn sieht, begrüßt damit eine Einigung, die den Verbrenner länger am Markt hält. Schneider selbst sagt: „Elektroautos werden sich in jedem Fall durchsetzen, weil sie technisch überlegen sind.“ Die Frage, die sich daraus ergibt, ist die Gegenprobe: Ob Spielraum beim Verbrenner die Investitionen in Elektromobilität eher stärkt oder verdünnt, bleibt im Stück offen, weil die Einigung dazu nichts festlegt.
Die Grünen-Fraktionschefin Dröge hält die Einigung für einen „Bremsklotz“ für die Standorte. Investiert werden müsse „mit voller Kraft“ in das E-Auto, in Batterietechnik und in Ladeinfrastruktur. Sie wirft Bundeskanzler Merz und Macron vor, die Klimaschutzziele im Verkehr zu opfern. Umweltverbände üben ebenfalls Kritik.
Auch die Produktionsbindung greift tief. Kaufprämien, Leasingförderungen und öffentliche Aufträge sollen stärker an Produktion in Europa gebunden werden. Zugleich soll der Anteil europäisch gefertigter Autoteile schrittweise steigen. Macron schrieb, Europa müsse investieren und produzieren und dabei das Klima schützen.
Wer noch zustimmen muss
Die Einigung ist ein gemeinsames Papier zweier Regierungen. Derzeit beraten darüber das Europaparlament und der Rat der EU-Staaten. Ohne Zustimmung beider Institutionen treten die Vorschläge nicht in Kraft.
Am Rat hängt es. Frankreich und sechs weitere EU-Länder hatten sich im Juni gegen eine Lockerung ausgesprochen und vor einem strategischen Fehler gewarnt. Mit Frankreich an Bord könnte nun eine Mehrheit im Rat möglich werden. Italien hat laut Bundeskanzler Merz Zustimmung signalisiert, deshalb rechnet er mit einer Umsetzung in der EU.
Bekannt wurde die Verständigung zuerst am Donnerstag, dem 15. Oktober 2026, aus Diplomatenkreisen. Am Freitag, dem 16. Oktober 2026, bestätigten beide Regierungen sie.
Was als Nächstes ansteht
Als Nächstes beraten Europaparlament und Rat. Ob der Rat zustimmt, ist bis heute, den 18. Oktober 2026, nicht entschieden. Ablesbar wird der Ausgang an der Abstimmung im Rat und daran, ob die Streichung des Ausgleichs für die zehn Prozent durchkommt. Fällt sie weg, verliert die deutsch-französische Position ihren Kern.
Aus dem Verbot würde eine Durchschnittsrechnung. Ob der Verbrenner nach 2035 bleibt, hinge dann an einem Prozentwert, der noch nicht beschlossen ist.
