Der Euro wurde binnen eines Jahres 14 Prozent teurer, die Verbraucherpreise stiegen um 29,7 Prozent. Am 13. Oktober 2026 setzte die Zentralbank den Richtkurs für einen Euro bei 55,11 Lira an, am 13. Oktober 2025 bei 48,36. Wer zu diesem Kurs 100 Euro an die Familie überweist, bringt 5.511 Lira an statt 4.836.
Inflation und Leitzins: amtlich 29,73 Prozent, nach ENAG 46,61 Prozent
TÜİK, das staatliche Statistikamt, meldete am 5. Oktober 2026 für September eine Jahresteuerung von 29,73 Prozent, nach 31,51 Prozent im August. Im Monat stiegen die Preise um 1,84 Prozent; seit Dezember 2025 sind es rund 24 Prozent. ENAG, ein Zusammenschluss unabhängiger Wissenschaftler, rechnet selbst und kommt für September auf 46,61 Prozent. TÜİK ist die amtliche Stelle, ENAG eine private Schätzung.
Von April bis August lag die Jahresteuerung zwischen 31,5 und 32,6 Prozent. Das Stabilitätsprogramm und die Zentralbank verweisen auf die Energiepreise im Krieg zwischen den USA und Israel auf der einen und dem Iran auf der anderen Seite, der Ende Februar 2026 begann.
Der Leitzins ist der Satz, zu dem die Zentralbank Banken eine Woche lang Geld leiht. Am 22. Januar 2026 senkte der Ausschuss ihn von 38 auf 37 Prozent. Bei den fünf Sitzungen danach (12. März, 22. April, 11. Juni, 23. Juli, 10. September) ließ er ihn unverändert.
37 Prozent sind der niedrigste Stand seit Oktober 2023. Nach den Wahlen 2023 hob die Zentralbank den Zins von 8,5 Prozent im Mai 2023 auf 50 Prozent im März 2024 an und hielt ihn bis November 2024 dort. Ein Vorbehalt gehört zum Bild: Vom 2. März bis zum 23. August 2026 hatte sie die Ein-Wochen-Auktionen ausgesetzt. Die Zentralbank gab im März an, die Banken finanzierten sich so im Schnitt zum Übernachtsatz von 40 Prozent. Die Linie in der Grafik zeigt weiter 37. Gegenüber der Teuerung von 29,73 Prozent liegt der Zins gut sieben Punkte höher.
Wachstum, Mindestlohn, Außenhandel und Reserven
Die Wirtschaft wuchs 2025 nach dem Mittelfristigen Programm der Regierung um 3,7 Prozent. 2026 verlangsamt sie sich: Im ersten Quartal waren es 2,6 Prozent, im zweiten 2,3 Prozent zum Vorjahr.
Der Mindestlohn gilt nach dem Beschluss vom 23. Dezember 2025 für das ganze Jahr 2026: 1.101 Lira am Tag, brutto 33.030 Lira im Monat, netto 28.075,50 Lira. Am 31. Dezember 2025 entsprach das rund 558 Euro, am 13. Oktober 2026 rund 509 Euro. Der Gewerkschaftsbund Türk-İş errechnete für September 2026, dass eine vierköpfige Familie in Ankara allein für gesunde Ernährung 37.800,92 Lira im Monat braucht. Das ist die Rechnung eines Verbands, keine amtliche Zahl, und sie gilt für einen Haushalt von vier Personen, nicht für einen einzelnen Lohn.
Die Leistungsbilanz erfasst alle Einnahmen und Ausgaben des Landes mit dem Ausland. Laut Medienberichten über die Zentralbankzahlen hatte die Türkei im August 2026 einen Überschuss von 4,0 Milliarden Dollar, über die zwölf Monate bis August ein Defizit von 42,1 Milliarden. Im ganzen Jahr 2025 lag das Defizit bei 30,3 Milliarden. Für 2026 rechnet das Programm mit 47,5 Milliarden (2,6 Prozent der Wirtschaftsleistung) und mit einer Energierechnung von 71 Milliarden Dollar, nach 62,5 Milliarden im Vorjahr.
Die Reserven der Zentralbank lagen am 16. Januar brutto bei 205,2 Milliarden Dollar und am 2. Oktober bei 167,4. Brutto zählt alles mit, auch Devisen aus Tauschgeschäften (Swaps). Analysten rechnen deshalb auch netto, also nach Abzug von Verbindlichkeiten. Laut Medienberichten über die Wochendaten waren es 82,9 Milliarden am 9. Januar und 53,8 Milliarden am 2. Oktober, ohne Swaps 70,1 und 37,9 Milliarden.
Die jüngsten Urteile der großen Ratingagenturen: S&P bestätigte am 17. April BB- mit stabilem Ausblick, Fitch am 17. Juli BB- mit stabilem Ausblick; Moody's beließ es am 24. Juli nach einer turnusmäßigen Prüfung bei Ba3, stabil.
Was das Programm versprach und was daraus wurde
Das Stabilitätsprogramm der Regierung läuft seit Juni 2023; in diesem Monat begann die Zentralbank, die Zinsen zu erhöhen. Die Regierung unter Finanzminister Mehmet Şimşek schreibt es jeden September als dreijähriges Mittelfristiges Programm fort. Es setzt auf hohe Zinsen, einen knapperen Haushalt und das Ende der Lira-Konten mit Kursschutz (KKM). Im August 2023 lagen dort 26,2 Prozent aller Einlagen, im August 2026 nach Angaben des Programms nichts mehr.
Die Inflationsziele verschoben sich Jahr für Jahr. Das Programm vom September 2023 sah für Ende 2025 eine Teuerung von 15,2 Prozent vor, das vom September 2024 17,5 Prozent. Tatsächlich waren es 30,9 Prozent. Für Ende 2026 nannte das Programm vom September 2025 16 Prozent; das neue vom 6. September 2026 rechnet mit 28,4 Prozent. Die Zentralbank hob ihr Zwischenziel für Ende 2026 im Mai von 16 auf 24 Prozent an; ihre Prognose liegt seit dem 13. August bei 28 Prozent.
Weiter plant das Programm 21 Prozent Teuerung für Ende 2027, 13,5 für 2028 und 9 für 2029, dazu 5,0 Prozent Wachstum und ein Leistungsbilanzdefizit von 1,6 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2029.
Unter dem Plan liegt das Haushaltsdefizit. Das Defizit des Zentralstaats betrug 2025 nach dem Programm 2,9 Prozent der Wirtschaftsleistung, geplant waren 3,1. Für 2026 erwartet es 3,1 Prozent statt der geplanten 3,5; darin stecken 0,8 Punkte für den Wiederaufbau nach dem Erdbeben vom Februar 2023, 681,5 Milliarden Lira. Für 2027 sind 3,5 Prozent vorgesehen.
Risiken und Prognosen bis 2027
Die Zentralbank nennt hohe Energiepreise als Aufwärtsrisiko für die Preise. Als weiteres Risiko sieht sie Erwartungen und Preissetzung; Mieten und Bildungspreise folgen laut Programm oft der vergangenen Teuerung. In ihrer Umfrage vom August erwarten Haushalte für die nächsten zwölf Monate 45,6 Prozent Teuerung, Unternehmen 32,8, Marktteilnehmer 23,7.
Das Leistungsbilanzdefizit muss mit Geld aus dem Ausland gedeckt werden. Die Banken ersetzten im Juni 151,3 Prozent ihrer fälligen langfristigen Auslandsschulden durch neue Kredite, die Unternehmen 231,4 Prozent (Zwölf-Monats-Werte); die Zentralbank sieht die Finanzierung deshalb auf hohem Niveau. Fitch nennt als Risiken Abflüsse bei neuen Schocks und Politikrisiken vor der Präsidentenwahl, die Ende 2027 oder Anfang 2028 erwartet wird.
Politik und Justiz kommen hinzu. Nach der Festnahme des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu im März 2025 hob die Zentralbank am 17. April 2025 den Leitzins von 42,5 auf 46 Prozent an und nannte unter anderem die jüngsten Entwicklungen an den Finanzmärkten; dem Fall widmet das Dossier einen eigenen Artikel. Der Prozess gegen ihn und mehr als 400 Angeklagte insgesamt läuft seit dem 9. März 2026; für alle Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung. Der Menschenrechtskommissar des Europarats, Michael O'Flaherty, äußerte am 10. Juli Bedenken zur Fairness. Nach Medienberichten konnten Mitte September mehrere Investmentfonds Auszahlungswünsche ihrer Anleger nicht erfüllen: Der Börsenindex fiel am 16. September um 5,54 Prozent, die Zentralbank kündigte am 17. September mehr Liquidität an. S&P-Analysten sagten am 2. Oktober zu den Fonds, Regierungsführung, Rechtsstaat und Wirksamkeit der Politik könnten Fragen aufwerfen; eine Herabstufung erwarteten sie nicht, solange der Fall begrenzt bleibe.
Für die Teuerung Ende 2026 liegen die Prognosen bei 28 Prozent (Zentralbank), 28,4 (Programm), 29,9 (IWF) und 30,5 (Fitch). Fürs Wachstum 2026 erwartet der IWF 2,7 Prozent, die OECD 3,1 und das Programm 3,3. Daraus ergeben sich drei Szenarien.
Erstens: Die Energiepreise geben nach, die Zentralbank hält ihren Kurs. Das unterstellt das Programm mit 88 Dollar je Fass Rohöl 2026 und 76 Dollar 2027; es erwartet 21 Prozent Teuerung Ende 2027.
Zweitens: Die Teuerung sinkt langsamer. Fitch rechnet mit 23,5 Prozent Ende 2027, mit 51 Lira je Dollar Ende 2026 und mit Lockerungen vor den Wahlen; der IWF mit 23,7 Prozent und 3,6 Prozent Wachstum 2027.
Drittens: Die Energiepreise bleiben hoch oder steigen. Das nannte S&P im April als Hauptrisiko; die EBRD sah am 24. September bei weiterer Eskalation auch Kapitalabflüsse und Einbußen im Tourismus.
Die nächsten Termine: S&P prüft die Türkei am 16. Oktober, die Zentralbank entscheidet am 22. Oktober über den Zins und legt am 12. November ihren Inflationsbericht vor. Für die erwarteten 28,4 Prozent dürften die Preise von Oktober bis Dezember zusammen um nicht mehr als rund 3,3 Prozent steigen. Im September waren es 1,84 Prozent.
