Der Ablauf verdient Beachtung, weil er zeigt, welche Verhandlungslogik hier am Werk ist: Trump schloss mit Wladimir Putin einen Deal über russische Dieselexporte, der ihm vor den Midterm-Wahlen im November günstige Spritpreise verschaffen soll. Als Selenskyj – nicht informiert, nicht konsultiert – die Angriffe auf russische Raffinerien nicht sofort einstellte, forderte Trump seinen Rücktritt. Dann verkündete er eine Waffenruhe.

Miami, Moskau und die Mechanik der Überraschung

Am 9. und 10. Oktober 2026 saßen in Miami Vertreter der Ukraine, der USA sowie Delegierte aus Frankreich, Deutschland, Großbritannien, der EU und der NATO zusammen. US-Sondergesandter Steve Witkoff und Jared Kushner, Trumps Schwiegersohn, hatten als Gesprächsthemen Wintervorbereitungen, Sicherheitsgarantien, den Wiederaufbau der Ukraine und einen möglichen teilweisen Stopp von Angriffen auf Energieanlagen und Getreidelieferwege auf den Tisch gelegt. Die Gespräche endeten kürzer als geplant. Konkrete Vereinbarungen wurden nicht getroffen.

Bereits Anfang September hatte Trump seine Unterhändler zunächst nach Moskau und dann erstmals nach Kiew geschickt. Selenskyj hatte damals zugesagt, während der Vermittlerreisen auf ukrainische Luftangriffe zu verzichten, um die Sicherheit der Unterhändler zu gewährleisten. Der russische Vize-Außenminister Sergej Rjabkow ließ über die staatliche Nachrichtenagentur TASS ausrichten, die Schlüsselfrage sei, „inwieweit die US-Regierung angesichts der Realitäten vor Ort bereit ist, in die Suche nach einer echten Lösung zu investieren." Kremlsprecher Dmitri Peskow gab zu den geplanten Besuchen nichts bekannt: „Wenn diese Kontakte stattfinden, werden wir darüber informieren." Das ist die russische Seite in einem Satz.

Trump selbst war bei den Vermittlungsfortschritten, wie schon bei früheren Ankündigungen, spärlich mit Einzelheiten. „Wir haben sie dorthin geschickt, um zu prüfen, ob wir etwas erreichen können", sagte er im Weißen Haus. Mehr nicht.

Der Diesel-Deal und seine Physik

Den entscheidenden Mechanismus liefert nicht die Diplomatie, sondern die Tankstelle. Trumps Deal mit Putin sah vor, dass Russland mehr als 300.000 Tonnen Diesel für die USA und den Weltmarkt liefert – ein Versprechen, das Spritpreise senken soll, die dem Präsidenten vor den Midterms politisch gefährlich werden. Das US-Finanzministerium setzte daraufhin Sanktionen gegen Käufer russischer Ölprodukte aus; die US-Sanktionsbehörde OFAC stellte eine temporäre Erlaubnis für den Import russischen Diesels bis zum 7. April 2027 aus.

Das Problem: Russland kann diese Mengen derzeit kaum bereitstellen. Ukrainische Drohnenangriffe auf russische Raffinerien haben die russische Eigenversorgung mit Treibstoff so weit beschädigt, dass Russland – der nach den USA zweitgrößte Ölproduzent der Welt – selbst Kraftstoff importieren muss. Trump ist, nach Angaben der taz, deswegen so sauer auf Selenskyj geworden. Gut darin, einen Deal zu verkünden; schwächer darin, zu prüfen, ob der Vertragspartner liefern kann.

Selenskyj wiederum nannte den Diesel-Deal auf seinem Telegram-Kanal ein Geschenk für Russland, das es „mehr töten, den Krieg länger führen, Amerika noch weniger respektieren" lasse. Er bot an, die Angriffe auf russische Raffinerien einzustellen – wenn Russland seinerseits aufhört, ukrainische Kraftwerke, Umspannwerke und Gasanlagen anzugreifen. Das ist eine vertretbare Bedingung. Auf Trumps Ankündigung einer „Energie-Waffenruhe" reagierte er so, dass man ihn sich fratzenlos vorstellen muss: „Sagen Sie uns bitte, wann die Waffenruhe beginnt."

Was Berlin dazu sagt – und was das kostet

Die Bundesregierung hat sich klar positioniert. Bundesaußenminister Johann Wadephul sagte am Sonntag vor der CDU-Präsidiumssitzung in Berlin: „Wir brauchen nicht weniger, wir brauchen mehr Druck auf Putin, dass er bereit ist, zu verhandeln." Der Sprecher von Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte, die Unterstützung der Ukraine bleibe ungebrochen und die Bundesregierung halte an den Sanktionsbeschlüssen fest. Eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums unter Katherina Reiche ergänzte, Deutschland beziehe seit 2023 kein Öl oder Ölprodukte aus Russland mehr.

Das sind Worte, die etwas kosten. Die Sanktionslockerung der USA stellt Europa vor eine neue Frage: Was ist die transatlantische Einheit noch wert, wenn Washington Moskau Dieseldeals gewährt, während Brüssel im Juli 2026 sein 21. Sanktionspaket verabschiedet hat – mit weiteren Beschränkungen im Finanz-, Energie- und Kryptosektor? Die europäische Linie und die amerikanische laufen gerade auseinander, nicht zusammen.

Stärkstes Argument für Trumps Vorgehen: Eine brüchige, unvollständige Energie-Waffenruhe schützt im Winter mehr ukrainische Infrastruktur als keine – und wenn der politische Preis für einen US-Präsidenten ein Diesel-Deal ist, der kaum lieferbar ist, dann hält der Druck vielleicht nicht lang. Nur: Diese Logik setzt voraus, dass Russland die Waffenruhe einhält. Putin hat sich dazu öffentlich nicht geäußert.

Das ist der Stand: Trump hat eine Waffenruhe ausgerufen. Selenskyj hat sie bedingt akzeptiert. Moskau hat geschwiegen. Die Angriffe liefen weiter.