Zahlen zur Ukraine-Hilfe kursieren seit Kriegsbeginn in erheblichem Umfang – und sie stimmen selten mit dem überein, was tatsächlich in der Ukraine ankommt. Das IfW Kiel hat in seinem Ukraine Support Tracker den Stand bis Oktober 2026 aufgeschlüsselt und dabei eine Differenz sichtbar gemacht, die politisch relevant ist.

Von den 100 Milliarden Euro, die die Bundesregierung als bilaterale Ukraine-Hilfe ausweist, entfallen nach Einschätzung des IfW Kiel nur rund 41,7 Milliarden Euro auf tatsächliche bilaterale Unterstützung. Davon wiederum flossen etwa 7,4 Milliarden Euro direkt in die Ukraine: 6,3 Milliarden Euro für humanitäre Hilfe, Energie-Nothilfe und den Wiederaufbau ukrainischer Behörden, eine Milliarde als Zuschuss an einen IWF-Fonds sowie 100 Millionen Euro für Schuldenerleichterungen.

Den weitaus größeren Teil – rund 35,9 Milliarden Euro – hat Deutschland im eigenen Land ausgegeben. Davon entfielen nach Tracker-Daten rund 27,45 Milliarden Euro auf Sozialleistungen für ukrainische Geflüchtete und 7,15 Milliarden Euro auf Unterbringungskosten. Diese Ausgaben sind sozialpolitisch sinnvoll; sie lindern jedoch nicht die Lage an der Front oder in der ukrainischen Haushaltskasse. Hinzu kommen Zusagen für künftige Militärhilfe im Umfang von 22 Milliarden Euro, die im Tracker noch nicht als geliefert gezählt werden.

Versprochen wurden 100 Milliarden Euro als Ukraine-Hilfe; angekommen sind nach IfW-Klassifizierung 7,4 Milliarden Euro direkt im Land.

Was die EU im Herbst 2026 überwiesen hat

Während die Diskussion über das, was Deutschland zugesagt und gezahlt hat, anhält, hat die EU in den vergangenen Wochen konkrete Beträge ausgezahlt. Der Mechanismus dahinter ist der Ukraine Support Loan – ein Kredit von insgesamt bis zu 90 Milliarden Euro für 2026 und 2027, von dem die EU-Kommission zwei Drittel für militärische Unterstützung vorsieht.

Im September 2026 überwies die Kommission eine erste Tranche von 3,3 Milliarden Euro. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte nach einem Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj angekündigt, dass die Mittel für den Kauf von Raketen und Drohnen verwendet werden sollen. Im Oktober folgte eine weitere Auszahlung von 1,24 Milliarden Euro, ebenfalls zweckgebunden für Drohnen, Drohnenabfangjäger, Drohnenmunition und Raketen aus ukrainischer Produktion.

Parallel hatte die Europäische Kommission am 24. August 2026 neue Rüstungsbeschaffungen in Höhe von 6,1 Milliarden Euro genehmigt – für Luft- und Raketenabwehrsysteme, Munition und Radar. Die Europäische Friedensfazilität, die durch ein ungarisches Veto zuvor blockiert war, gab nach dessen Aufhebung 6,6 Milliarden Euro Militärhilfe frei.

Deutschland schloss im Oktober 2026 während des Besuchs von Bundeskanzler Friedrich Merz in Kiew Abkommen im Wert von rund 6,5 Milliarden Euro, vorwiegend in den Bereichen Rüstung und Energie. Merz kündigte zudem ein kurzfristiges Militärpaket von einer Milliarde Euro an, das den Schwerpunkt auf Abfangdrohnen legt, die in der Ukraine gefertigt werden sollen, sowie 350 Millionen Euro für die Wiederherstellung der Energieinfrastruktur. Außenminister Johann Wadephul betonte am 11. Oktober 2026, Deutschland stehe klar an der Seite der Ukraine und werde den Druck auf Russland erhöhen, damit es zu Verhandlungen bereit sei.

Miami und der Diesel-Deal: zwei Signale in entgegengesetzte Richtungen

Am 9. und 10. Oktober 2026 trafen sich in Miami die US-Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner mit einer ukrainischen Delegation sowie nationalen Sicherheitsberatern aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland, dazu Vertreter der NATO und der EU. Witkoff und Kushner hatten zuvor Moskau und Kiew besucht und präsentierten in Miami nach eigenen Angaben „neue Ideen und Vorschläge", um den diplomatischen Stillstand zu durchbrechen.

Die ukrainische Delegation umfasste unter anderem Kyrylo Budanov, den Leiter des Präsidialamts, Rustem Umerov, den Chef des Auslandsgeheimdienstes, sowie den Parlamentsabgeordneten Davyd Arakhamia. Themen waren Energieinfrastruktur, Getreideexporte, Sicherheitsgarantien, Wiederaufbau und der EU-Beitritt der Ukraine. Witkoff beschrieb die Gespräche anschließend als „konstruktiv" und betonte, sie hätten Arbeitsbereiche für künftige Kontakte mit Russland identifiziert. Die Gespräche endeten früher als geplant; einen zweiten Tag gab es nicht.

Unmittelbar neben diesen Gesprächen verkündete Trump am 9. Oktober eine Vereinbarung mit Russland: Zunächst über 300.000 Tonnen Diesel, gefolgt von weiteren 500.000 Tonnen im November. Das US-Finanzministerium setzte dafür mit der „General License 135" des OFAC die Sanktionen gegen russische Dieselexporte bis zum 7. April 2027 aus. Selenskyj bezeichnete den Schritt als „absolut schrecklich" und als Geburtstagsgeschenk für Putin – und kritisierte, seine Delegation in Miami sei als Kulisse verwendet worden, während Trump und Putin Vereinbarungen über Treibstofflieferungen trafen.

Sieben US-Senatoren – darunter Susan Collins, Lisa Murkowski und Jeanne Shaheen – forderten am 11. Oktober 2026 die sofortige Rücknahme des Deals. Sie verwiesen auf ein Gesetz des Kongresses aus dem Jahr 2022, das russische Energieimporte verbietet, bis Russland seine Aggression gegen die Ukraine beendet. Die Administration habe es versäumt, den Kongress zu konsultieren oder eine rechtliche Erklärung vorzulegen, wie es das Gesetz verlange. Senator Thom Tillis sagte öffentlich, es gebe einen „berechtigten Fall dafür zu sagen, dass der Präsident das Gesetz nicht befolgt". Zudem arbeiten Kongressmitglieder an parteiübergreifender Gesetzgebung unter dem Titel „Ronald Reagan Peace Through Strength Act", der russische Öl- und Erdölprodukte generell sperren soll.

Was als Nächstes zählt

Der Ukraine Support Loan der EU ist das strukturell größte Instrument: Für 2026 allein sind Auszahlungen von 28,3 Milliarden Euro zur Stärkung der ukrainischen Verteidigungsindustrie geplant. Woran man erkennen wird, ob dieser Rahmen hält: ob die Tranchen im vereinbarten Rhythmus ausgezahlt werden und ob die ukrainische Rüstungsproduktion die zweckgebundenen Mittel tatsächlich absorbieren kann.

Für die Bundesregierung ist die Frage, wieviel ihrer ausgewiesenen Hilfe tatsächlich die Ukraine erreicht, mittlerweile kein akademisches Problem mehr. Das IfW Kiel hat den Tracker so gebaut, dass er die Lücke zwischen Zusage und Lieferung sichtbar macht – und die Lücke ist groß. Ob die neuen deutschen Pakete aus dem Oktober 2026 diese Bilanz verändern, zeigt sich, wenn der Tracker das nächste Mal aktualisiert wird.

Der Diesel-Deal ist das instabilste Element: Die Sondererlaubnis des OFAC gilt bis April 2027, die Kongressmehrheit ist unsicher, und die Midterm-Wahlen am 3. November 2026 werden darüber entscheiden, ob Trumps Partei ihre Kontrolle über den Kongress behält. Fällt sie, wächst der gesetzgeberische Druck auf die Administration erheblich.